NACHBARN

Hilfe ist die halbe Miete

Unterkunft gegen Unterstützung: So lautet das Prinzip von Wohnen für Hilfe“. Das Projekt vermittelt Wohnpartnerschaften – Studierende bekommen ein günstiges Zimmer, Senioren, Alleinerziehende oder behinderte Menschen Hilfe im Alltag. LIEBE NACHBARN war zu Besuch bei einer Würzburger Wohnpartnerschaft.

Amy ist 29 Jahre alt, alleinerziehende Mutter und berufstätig. Ihr sieben Jahre alter Sohn Emil geht in die zweite Klasse – natürlich kollidieren die Arbeits- bzw. Schulzeiten der beiden miteinander. „Ich habe keine Familie in der Nähe. Das stellt einen natürlich immer wieder vor neue Herausforderungen“, sagt Amy. Auf der Suche nach Unterstützung stolperte sie im Internet dann über das Projekt Wohnen für Hilfe. „Ich habe einfach dort angerufen und nachgefragt, ob man auch mich als Alleinerziehende in das Programm mitaufnehmen würde. Schließlich bin auch ich auf Hilfe angewiesen. Ja, und schon wenige Wochen später wohnte Lena bei Emil und mir …“

Tausche Zimmer gegen Unterstützung
Das Projekt Wohnen für Hilfe ist mittlerweile in rund 30 deutschen Universitätsstädten für Studenten zu einer echten Alternative bei der Wohnungssuche geworden – das Prinzip dahinter: Ältere Menschen, Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Behinderung stellen jungen Menschen mietfrei oder mietgemindert ein Zimmer zur Verfügung. Im Gegensatz dazu erhalten sie Hilfe im Alltag – sprich, die Studenten unterstützen beim Abwasch, erledigen mit den Kindern Hausaufgaben, mähen den Rasen oder unterstützen beim Arztbesuch. Ausgeschlossen sind dabei lediglich Pflegeleistungen oder eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Die Faustregel dabei: Pro Quadratmeter Wohnfläche fällt eine Stunde im Monat an.

In Würzburg gibt es Wohnen für Hilfe seit Juli 2011. Damals, als der doppelte Abiturjahrgang für massive Wohnungsnot bei den Studierenden in Würzburg sorgte, brachten der Caritasverband Würzburg und die Katholische Hochschulgemeinde das Konzept in die Stadt am Main. „Wir haben seit unserem Start schon über 111 Partnerschaften erfolgreich vermittelt“, erzählt Projektleiterin Mirjam Gawenda vom Caritasverband. Dabei würden nicht nur viele Senioren Interesse an Wohnen für Hilfe zeigen, sondern auch die Nachfrage seitens Familien oder alleinerziehenden Elternteilen habe zugenommen.

Alleine leben – lieber nicht!
So auch im Fall von Amy. „Ich habe jahrelang in einer WG gelebt und konnte es mir nach der Trennung von meinem Partner nicht vorstellen, allein mit Emil in der Wohnung zu leben“, berichtet die 29-Jährige. Nachdem sie sich bei Wohnen für Hilfe Würzburg gemeldet hatte, ging dann alles ganz schnell: Ihr „Gesuch“ fiel Lena, 23, Sonderpädagogikstudentin, in die Hände, die sich daraufhin bei ihr meldete. Die beiden vereinbarten ein persönliches Kennenlernen – und es passte sofort. Sympathie auf den ersten Blick. Lena zog zu Amy und Emil nach Rottenbauer, hat dort ihr eigenes zwölf Quadratmeter großes Zimmer und ist immer für Emil zur Stelle, wenn Amy schon früher das Haus verlassen oder Erledigungen tätigen muss. Ob Zähne putzen, Frühstück vorbereiten, gemeinsames Spielen oder ins Bett bringen – die Studentin hilft bei allem, was gerade so anfällt.

„Lena ist für mich ein Geschenk des Himmels. Ohne sie hätte ich zum Beispiel meine berufliche Weiterbildung gar nicht bewerkstelligen können. Was hätte ich denn mit Emil machen sollen?“, meint Amy und ergänzt: „Außerdem verstehen wir uns auch menschlich super. Lena ist so etwas wie ein Familienmitglied geworden!“ Und auch Lena sieht nur Vorteile in ihrer etwas ungewöhnlichen Wohngemeinschaft: Sie genieße die familiäre Umgebung und die Verbundenheit mit Amy und Emil, die sich in den inzwischen fast drei Jahren ihrer WG entwickelt habe. Zudem sei natürlich der finanzielle Aspekt nicht von der Hand zu weisen. „Ich zahle nur die Nebenkosten, 75 Euro pro Monat“, verrät Lena und ergänzt: „Jeder weiß ja, wie das ist, Studenten haben ja nie viel Geld.“ Zwölf Stunden pro Monat soll Lena der alleinerziehenden Mutter Amy pro Monat laut Vertrag unter die Arme greifen. Doch beide sagen: „Wir haben das nie so genau genommen. Wir klären die anfallenden Aufgaben flexibel von Tag zu Tag.“

„Die Chemie muss stimmen …“
Die Caritas Würzburg legt großen Wert darauf, dass Mieter und Vermieter zusammenpassen. „Die Chemie muss einfach stimmen“, betont Projektleiterin Mirjam Gawenda. Erst wenn Mieter und Vermieter dann den für sich passenden Mitbewohner gefunden haben, unterschreiben sie einen Vertrag. Während einer Probezeit wird dann getestet, ob sie sich auch im Alltag verstehen und das Zusammenleben den jeweiligen Wünschen entspricht. „Wir sind dabei mehr als eine reine Vermittlungsstelle“, sagt Gawenda, „wir stehen den Wohnungspartnerschaften stets mit Rat und Tat zur Seite und dienen in den verschiedensten Situationen als Ansprechpartner.“ Einmal pro Semester finde sogar ein Stammtisch statt, zu dem nicht nur alle bereits existierenden Wohnpartnerschaften zusammenkommen, sondern auch alle Interessierten herzlich eingeladen seien. „Schließlich sollte man sich – egal ob als Mieter oder Vermieter – nicht nur für ein paar Monate für eine Wohnen-für-Hilfe-Wohngemeinschaft entscheiden. Mindestens zwei Semester sollte eine Partnerschaft dauern“, meint Projektleiterin Mirjam Gawenda. Über diese zwei Semester sind Lena, Amy und Emil schon lange hinaus. Knapp drei Jahre wohnen sie nun bereits  zusammen. Lena ist inzwischen im 7. Semester. Die Vorstellung, dass die Sonderpädagogik-Studentin irgendwann auszieht, ist für beide Parteien komisch. Aber noch ist Zeit. Lena: „Ich habe insgesamt zwölf Semester für mein Studium eingeplant – so schnell werdet ihr mich nicht los!“

Text: Julia Rösch, Fotos: Nico Manger

Weitere Informationen und Wohnraumangebote finden sich im Internet unter www.wfh-wuerzburg.de. Zudem ist das Wohnen für Hilfe Team Würzburg telefonisch unter 0931 – 38659-128 oder per Mail an info@wfh-wuerzburg.de erreichbar.