Alle Artikel in: GESELLSCHAFT

BETT & WIN

Er dümpelt bereits seit Jahren zwischen Glücksratgeber und „Die Milchmörderin aus Smörrebröd“ vor sich hin. Der „Schinken“. Hygienisch einwandfrei, weil nie benutzt. Zu schwer, zu sperrig, zu monumental, diese Goethes, Hebbels, Stifters und Co. Wirklich? Wir haben sie trotzdem aus dem Regal gezogen, fanden Bekanntes, Unbekanntes, Wahnsinniges – kurz: erstaunlich gute alte Seiten. Aber lest selbst: Iwan Gontscharow: Oblomow „Gooontscharow! Oblomow! Kenn’se nich? Na, dann könn’se ja gleich Design bei der Müllabfuhr studieren!“ Diese herzliche Leseempfehlung meines ehemaligen Literaturdozenten verfolgte mich irgendwie jahrelang. Ich trug sie vor mir her, schob, verdrängte, (er-)fand Ausflüchte … und „handelte“ dabei unwissentlich ganz im Sinne des Protagonisten. Denn so gut wie nichts anderes „tut“ auch der lethargische Adelsspross Ilja Iljitsch Oblomow über die gesamte Erzählung hinweg, die bei Literaturfans weltweit Kultstatuts genießt. Handlung – wozu? Ein Handlungsträger, der nicht handelt. Das muss man sich erstmal trauen. Zumal es wahrlich höchster Erzählkunst bedarf, den Plot eines über 700 Seiten dicken Romans hauptsächlich im und um das Bett der Hauptfigur anzusiedeln, ohne den Leser dabei selbst komplett zu „oblomowisieren“. An der …

MY BIG FAT ITALIAN WEDDING

Ein Leben ohne Pasta? Möglich, aber sinnlos. Dazu trinke ich am liebsten staubtrockenen italienischen Rotwein, mit dem man aufgrund seiner teerartigen Konsistenz auch so manche kampanische Schlaglochpiste flicken könnte, bestelle in der besten Caffè-Bar Würzburgs am Grafeneckart zwei CappucchinI – und amüsiere mich derweil über die zutiefst deutsche Anstehkultur der anderen Gäste, die sich brav in einer Reihe vor der Kasse platzieren, anstatt einfach lässig an der vollkommen leeren Bartheke links auf ihr Heißgetränk zu warten. Und – wer hat’s gemerkt? Natürlich schreibe ich „Caffè“, weil ich weiß, das man das in Italien nunmal so schreibt. Insofern: absolut schuldig im Sinne der Anklage – ja, ich bin italophil, vom Scheitel bis zur Stiefel-Sohle (mio!). Warum dieses faszinierende Fleckchen Erde seit Jahrhunderten eine derartige Anziehungskraft auf uns auch emotional gelegentlich so frostgebeutelte Nordmänner und -frauen ausübt – darüber haben sich klügere Menschen als ich bereits den Kopf zerbrochen.  Natürlich ohne eine veritable Antwort zu finden. Vermutlich macht genau das den ungeheuren Reiz Italiens aus. Es ist irgendwie … unfassbar. Unfassbar schön, unfassbar charmant, kurios, absurd, ja, …

THE QUINTS HI, FIVE!

FÜNF WÜRZBURGER DOMSINGKNABEN MACHEN SICH SELBSTSTÄNDIG. WIR HABEN JAKOB, NOCH EINEN JAKOB, SIMON, PHILIPP UND MICHAEL GETROFFEN, UM  MIT IHNEN ÜBER IHRE MUSIK UND IHRE VISIONEN ZU REDEN Jung, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Man mag es kaum glauben, aber wir haben uns tatsächlich beim Singen kennengelernt. Wir haben alle als kleine Kinder bei den Würzburger Domsingknaben angefangen zu singen und hatten dadurch keine andere Wahl, als viel Zeit miteinander zu verbringen. Deswegen verstehen wir uns auch so gut, da ein so spezielles Hobby natürlich sehr verbindet. Studiert ihr oder arbeitet ihr schon? Teils teils, zwei arbeiten schon und drei studieren noch. Auf jeden Fall hat es bei jedem etwas mit Musik zu tun. Wie sind eure Rollen in der Band verteilt. Wer übernimmt was?  Die sind ganz klar verteilt: Schwemmi ist für die modische Ausstattung des Ensembles zuständig, da er immer perfekt passende Fliegen mitbringt, Simon organisiert uns Auftritte am Arsch der Welt, also seiner Heimat, Jakob und Jakob sind die Klassenclowns und für die schlechten Wortwitze während der Probe zuständig – und …

LEBENDE BÜCHER

Seit September 2017 gibt es ein neues soziales Projekt in unserer Stadt. Die Rede ist von „livebooks | Fragen. Verstehen. Wertschätzen.“, einem neuen Angebot des Fördervereins Wärmestube e. V. Mit den Stichworten „Fragen. Verstehen. Wertschätzen.“ machen die Veranstalter bereits deutlich, worum es ihnen bei dem Projekt geht: um ein Miteinander statt Übereinander, um eine Begegnungen der etwas anderen Art. Im Mittelpunkt des Projekts stehen „lebende Bücher“. Dabei handelt es sich um Menschen, die meist unter besonderen Lebensumständen aufgewachsen sind oder denen außergewöhnliche Lebensschicksale zuteil wurden. So wie auch Michael S. (Name geändert) Wie bist du auf livebooks aufmerksam geworden? Teilnehmer: Ich kannte den Förderverein bereits aus der Schmökerkiste, in der ich seit längerer Zeit aktiv bin. Adrian [Anm.: Betreuer des Projekts] sprach mich dann gezielt darauf an, ob ich mir vorstellen könnte, an dem neuen Projekt mitzuwirken. Anfangs war ich skeptisch, doch mit der Zeit sah ich auch, dass es wichtig ist, darüber zu reden, und dass es auch mich im Umgang mit meiner Erkrankung weiterbringt. Michael S. leidet seit fast 20 Jahren an den Symptomen …

Du hast den besten Balkon der Stadt

ES IST TIEF IM WINTER … JETZT MACH DIE AUGEN ZU UND TRÄUM DICH ZURÜCK: IN DEN WARMEN WÜRZBURGER SOMMER. Du hast den besten Balkon der Stadt, wir sitzen im vierten Stock und beobachten das Herzkreislaufsystem der Umgebung. Es ist stabiler als unseres, die Straßenbahnen takten sich, die Lichter, die Uhren, die Alarmanlagen und die Bremsen der Automobile, die immer gerade noch rechtzeitig ausweichen. Wir bewegen uns fast eine Woche nicht, eine Membran aus Temperatur hat sich um die Gliedmaßen gelegt, dein linkes Auge immer halbgeschlossen, denn Zweidimensionalität reicht uns momentan, mehr wollen wir gar nicht; in diesem Kontext ist das mehr als wir anderswo jemals bemerkt haben. Zur blauen Stunde ziehen wir uns eine Adaption von Gesellschaftsfähigkeit über, fahren mit dem Lift – in dem wir uns kurz küssen – runter, und nehmen die wichtigen Punkte der Stadt ein. Wir schlucken die Stadtviertel wie Pillen, wir inhalieren den schwülen Dunst der Dämmerung und baden in den Brunnen vor strategisch wichtigen Gebäuden der Tourismusbranche. Und es geht ja nicht nur um Tourismus, es geht ja um …

Berühmt & berüchtigt / Das Studio schreibt 15 Jahre Clubgeschichte

Ich weiß noch genau, wie es war – mein erstes Mal mit dem Studio. Ich war gerade 18 und wir schrieben das Jahr 2006. Schon damals schallte die Mundpropaganda über den Club lauter als die Musik auf der Tanzfläche: Man kam angeblich als Gentleman nur mit Anzughose rein und als Lady mit High Heels. Eigentlich gar nicht mein Ding, denn ich trug Turnschuhe mit Klettverschlüssen an den Füßen und wilde Locken auf dem Kopf. Und hatte Schiss, nicht schick genug zu sein. Trotzdem reizte mich irgendwas an dem Laden. Deshalb sagte ich zu, einen Artikel zu schreiben über einen Abend mit DJ Richard Dorfmeister. Außerdem liebte ich die Kruder & Dorfmeister Sessions. Vor der Tür gab es damals noch keine Schlange bis hinüber zur Kirche, in stilvollem Ambiente wurde geraucht und die Lounge war in schwarzes Leder getaucht. Trotz der vielen High Heels wurde mein erster Abend großartig. Aber nicht allein wegen der Musik. Es war eher ein Eintauchen in ein Gefühl, das man eine Nacht lang auskostet. Wie alles begann Vielleicht liegt dieses besondere Gefühl …

#YouProbably Too?

Angst. Wut. Scham. Verzweiflung. Die richtigen Worte, das auszudrücken, was man fühlt? Fehlanzeige. Stattdessen: gar keine Anzeige. Was bleibt, ist fortwährendes Schweigen, das dich zu brechen droht, ehe du es brechen kannst. Bis eine die unbequeme Wahrheit ausspricht – und es ihr plötzlich Tausende gleichtun. Wenige Wochen ist es her, dass die New York Times einen Artikel veröffentlichte, in dem über ein Dutzend Frauen den Hollywood-Mogul Harvey Weinstein anklagen, sie sexuell belästigt zu haben. Seitdem vergeht kein Tag ohne neue Äußerungen mutmaßlicher Opfer, in sechs Fällen ist sogar von Vergewaltigung die Rede. Bei den Betroffenen handelt es sich vornehmlich um junge Schauspielerinnen, die zum Zeitpunkt der Übergriffe am Anfang ihrer Karriere standen, unter ihnen namhafte Stars wie Angelina Jolie, Cara Delevingne und Oscar-Preisträgerin Lupita Nyong’o. In einem Gastbeitrag für die New York Times schildert die 34-Jährige, wie sie 2011 als Schauspielschülerin den mächtigen US-Produzenten kennenlernte – und was nach dem obligatorischen Abendessen in dessen Wohnhaus geschah. Demnach soll Weinstein seinem Gast ohne Umschweife eine Massage angeboten haben. „Zuerst dachte ich, er scherzt“, erinnert sich die …

Balz auf dem Würzburger Catwalk

Von dezentem Wegschauen hält man hier nichts: In Würzburg wird hinterhergeguckt, was das Zeug hält. Klar, dass es in lauen Sommernächten zwischen Festung und Residenz auf den städtischen Catwalks nur so wimmelt.  Als Einstieg für Touris, Neuwürzburger und gut betuchte Franken eignet sich natürlich am besten die Alte Mainbrücke. Eintrittskarte für die Mainvariante der Münchner Schickeria ist lediglich der klassische Brückenschoppen, den es geschickt durch die Menschenmassen zu jonglieren gilt. Für die Damen schickt sich außerdem die hochgekrempelte weiße Hose, kombiniert mit einer leichten Daunenjacke in pastelligen Frühlingsfarben. Dazu eine männliche Begleitung, leicht gebräunt, mit lässigem Kaschmirpullover über den Schultern. So lehnt man sich dann elegant neben Kilian an die Brückenmauer und begutachtet die – im Rausche des Weines – mediterran anmutende Landschaft. Und ihre Bewohner. Halbwegs unauffällig. Ganz und gar nicht unauffällig läuft das Prozedere dagegen beim Sonntagstreff ab. Location: MS Zufriedenheit beim Kulturspeicher. Niveau: für Würzburger, die schon ein paar Leute kennen. Denn hier guckt man sich unverblümt hinterher und grüßt dabei lässig nach links und rechts. Je häufiger, desto besser. Kommt man …

Neulandfrust

Die neueste Serie gestreamt, Nachrichten gelesen, kurz die Urlaubsfotos hoch- und das Rezept runtergeladen, Onlineticket gebucht, im Onlineshop bestellt – und per Onlinebanking bezahlt. Klar soweit? Fast. Denn es gibt sie tatsächlich noch, die weißen Flecken in der Internetlandschaft – auch bei uns in Franken. Ein Erfahrungsbericht. Einem Bericht von akamai´s [state of the internet] Q4 2016 report zufolge liegt Deutschland im weltweiten Vergleich der Internetgeschwindigkeiten auf Platz 25 hinter Rumänien, Bulgarien und der Tschechischen Republik. Naja gut, wir müssen ja auch nicht überall Weltspitze sein. Doch in unserem Dorf in der tauberfränkischen Provinz übertreiben sie’s jetzt langsam – oder besser gesagt: untertreiben. Hier ist das Internet gerade mal ein Zehntel so schnell wie im bundesdeutschen Durchschnitt, vergleichbar mit Ländern wie dem Kongo, Venezuela oder dem Sudan. Seit 2004 haben wir sage und schreibe eine 2-Mbit-Anbindung. Mega, oder? Eines Tages dann der Anruf von der Telekom-Hotline: „Schönen guten Tag.“ „Hallo.“ „Ich rufe an im Auftrag der Telekom und wollte Ihnen mitteilen, dass wir im Zuge der Digitalisierung alle Telefonanschlüsse auf Voice-over-IP umstellen.“ „Sie meinen damit …

Zwischen Welten

Der australische Musiker DUNCAN WOODS über Idole, den Sinn des Lebens und seine Liebe zu Würzburg. Er kommt aus Australien und verbringt seine Sommer in Würzburg, weil er die Stadt liebt. Auf der Alten Mainbrücke hat er sich 2016 mit sieben Studenten der Musikhochschule zusammengetan, um ein neues Bandprojekt zu starten. Man kennt ihn vom StraMu, dem Stadtfest oder gemeinsamen Auftritten mit Soulconnection und Puente Latino. Sein bisher größter kommerzieller Erfolg gelang gemeinsam mit dem Berliner DJ-Duo Frank & Friedrich mit dem Song „Coming Home“. LIEBE NACHBARN hat Duncan und seinen Gitarristen Matze über den Dächern Würzburgs getroffen.  Duncan und Matze, wie kommt es, dass ein Australier mit Würzburgern Musik macht?Duncan: Meine Freundin lebt in Würzburg und deswegen verbringe ich seit drei Jahren die Sommermonate immer in hier. Matze: So haben wir uns dann zufällig im letzten Sommer beim Straßenmusikmachen auf der Alten Mainbrücke kennengelernt. Warum Würzburg, wenn man aus Australien kommt? Duncan: Ich habe mich in die Stadt verliebt: Würzburg hat die perfekte Größe für eine Stadt, denn ich bin kein Fan von Metropolen. Das Wetter …