Neueste Artikel

Balz auf dem Würzburger Catwalk

Von dezentem Wegschauen hält man hier nichts: In Würzburg wird hinterhergeguckt, was das Zeug hält. Klar, dass es in lauen Sommernächten zwischen Festung und Residenz auf den städtischen Catwalks nur so wimmelt. 

Als Einstieg für Touris, Neuwürzburger und gut betuchte
Franken eignet sich natürlich am besten die Alte Mainbrücke. Eintrittskarte für die Mainvariante der Münchner Schickeria ist lediglich der klassische Brückenschoppen, den es geschickt durch die Menschenmassen zu jonglieren gilt. Für die Damen schickt sich außerdem die hochgekrempelte weiße Hose, kombiniert mit einer leichten Daunenjacke in pastelligen Frühlingsfarben. Dazu eine männliche Begleitung, leicht gebräunt, mit lässigem Kaschmirpullover über den Schultern. So lehnt man sich dann elegant neben Kilian an die Brückenmauer und begutachtet die – im Rausche des Weines – mediterran anmutende Landschaft. Und ihre Bewohner. Halbwegs unauffällig.

Ganz und gar nicht unauffällig läuft das Prozedere dagegen beim Sonntagstreff ab. Location: MS Zufriedenheit beim Kulturspeicher. Niveau: für Würzburger, die schon ein paar Leute kennen. Denn hier guckt man sich unverblümt hinterher und grüßt dabei lässig nach links und rechts. Je häufiger, desto besser. Kommt man als Neuwürzburger erst zu späterer Stunde, wappnet man sich im besten Fall mit einer Sonnenbrille, um den Gang über die voll besetzte Terrasse bis zum ersten Bier einigermaßen inkognito zu überstehen. Hat man ein Bier und damit die Freiheit des Beschäftigt-seins ergattert und sogar einen Platz gefunden, beginnt die Balz. Tinder live sozusagen. Für die Ladies dabei in dieser Saison unabdingbar, um individuellen Stil zu präsentieren: die obligatorische Netzstrumpfhose unter der zerrissenen Jeans. Für die bärtigen Herren empfohlen: gestylt ungestylt aussehen und die muskulöse Brust eher nebenbei zeigen. Recht wichtig, um die Gratwanderung zwischen gepflegter Attitüde und lässiger Style-ist-mir-egal-Männlichkeit zu wahren.

Viel Muskeleinsatz erfordert dagegen das Odeon. Ebenso wie das Studio. Und der Mainkai. Hier fühlt man sich ein bisschen wie bei einem Gang durchs Fitness-Studio. Deshalb am besten ein solches auch vorab besuchen, und erst danach die Locations betreten. Sonst wird der Weg vorbei am Selektor schwierig. Starker Laufsteg-Konkurrent zum Sonntagstreff mit etwas weniger Fitness und etwas mehr alternativem Denckler-Publikum ist natürlich das Dornheim, das einstige Talavera-Schlösschen. Hier ist es hilfreich, wenn man den Denckler-Block zumindest irgendwie kennt und noch weiß, wie das AKW von innen aussah. Dann lässt es sich im Dornheim drinnen zwischen knarzenden Dielen und alten Flügeltüren oder draußen neben den Turntables wunderbar Bier trinken, schnacken und hinterhergucken. Wichtig ist dabei allerdings, dass man sich den eigenen kleinen Hipster im Innern nicht anmerken lässt. Vielleicht also besser mal auf die Netzstrumpfhose verzichten und dafür eine Mom-Jeans wählen. Beim Jutebeutel eventuell auf ein altes tegut-Teil zurückgreifen.

Eine gute Mischung für alle, die sich noch für keinen Catwalk entscheiden konnten: Einfach mal schräg gegenüber vom Theater beim Astorino oder Mozart-Café niederlassen und die Kreuzung beobachten. Ist zwar bisschen laut, so vom Verkehr her, aber dafür durchaus lohnenswert, da hoch frequentiert. Apropos Café – auch schön: das legendäre D.o.c mit den wahrscheinlich schönsten Eisverkäufern der Stadt. Hier genießt man einen guten Blick auf den Vierröhrenbrunnen und alles, was sich so durch die Würzburger Innenstadt bewegt.

Wenn man dagegen mal dem Würzburger Flair entfliehen möchte, dann flüchte man sich zu einem Event im Grombühler Bungalow. Hier kann man sich direkt nach Berlin-Neukölln beamen. Muss man halt die 80er Jahre in Kauf nehmen, aber mit ner Jeansjacke im Gepäck geht das klar. Dann darf man entspannt gute Kunst, schöne Musik und tanzende Füße genießen.  Wer sich jetzt immer noch nicht entscheiden konnte, der kann ja nächstes Wochenende mal alles austesten und mir davon berichten. Ich jedenfalls liebe den Würzburger Sommer – ob Sonntagstreff, Schlösschen oder Studio. Und: Wenn doch nur Blicke ausziehen könnten – dann wären wir allesamt splitterfasernackt.

Text: Johanna Juni
Illustration: Betruu

 

Wann wenn nicht jetzt?

Der Brexit hat Europa erschüttert, in Frankreich ist es Marine Le Pen immerhin gelungen, in die Stichwahl zu kommen und bei uns droht der Einzug der AfD in den Bundestag. Die europäische Idee scheint zu scheitern. Wo sind eigentlich die sogenannten Denker, die uns die Welt erklären sollen, wenn man sie mal braucht? Sören Brandes ist so einer. Der Historiker ist 27 und kann sich nur noch mit Mühe auf seine Dissertation konzentrieren, seit die Welt aus den Fugen gerät. Er promoviert am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sowie an der Freien Universität in Berlin und hat ein Onlinemagazin ins Leben gerufen, in dem junge Geistes- und Sozialwissenschaftler Themen wie Globalisierung und Migration diskutieren. Aktuell gibt es einen Call for Essays zum Thema „Citizenship and Territoriality“: Warum wird Staatsbürgerschaft immer mit Territorien und Grenzen in Verbindung gebracht? Brauchen wir eine europäische Staatsbürgerschaft? Und was bedeutet supranationales Denken? Wir haben Sören Brandes getroffen und mit ihm darüber gesprochen, wie Politik über Ländergrenzen hinaus funktionieren kann. 

Blickt man in Europa auf den Brexit, Marine le Pen oder die AfD, sieht man einen Rückzug in den Nationalismus. Wie kann man diesen Aufschwung des neuen Rechtspopulismus historisch einordnen?

Wir hatten in den letzten 25 Jahren eine Politik der Alternativlosigkeit, das liberale Modell stand fest. Wir sind damit aufgewachsen und dachten, das bleibt so, die Welt wird tendenziell besser – in unseren Köpfen war das Fortschrittsdenken festgewachsen. Die letzten beiden Jahre aber haben diese Alternativlosigkeit erschüttert. Die Gründe dafür würde ich nicht unbedingt in Ereignissen wie der Flüchtlingskrise oder Terroranschlägen sehen, sondern eher in der Gestaltung der Globalisierung in den letzten Jahrzehnten. Unsere Institutionen sind noch geprägt von den Ideen des 20. Jahrhunderts, gerade dem Nationalismus. Aber eigentlich hat sich alles schon weiterentwickelt, ist viel globaler, fluider, komplexer geworden: Dieser Mismatch zwischen den alten Institutionen und der neuen Welt, in der wir schon leben – und zwar gerade unsere Generation – scheint für mich das grundlegende Problem zu sein. Die Menschen spüren diesen Riss – und viele flüchten sich deshalb in die alte Welt zurück.

In den letzten 30 Jahren wurde gerade in den Geschichtswissenschaften viel über Nationalismus geforscht und diskutiert. Was kann man daraus lernen?

Dass Nationen konstruiert sind. Das heißt, dass sie nicht schon immer da waren, sondern eine spezifisch moderne Konstruktion darstellen, die im 18. Jahrhundert entstand. Mit Benedict Anderson gesprochen ist Nation eine imagined community, von der man vielleicht 50 Menschen gut und 500 vage kennt, den Rest muss man sich vorstellen. Diese Vorstellung wird täglich konstruiert und erneuert, zum Beispiel durch die Medien. Aber es gibt ja auch andere imagined communities – wie zum Beispiel Religionsgemeinschaften. Muss also ausgerechnet die Nation die Gemeinschaft sein, mit der wir uns solidarisch fühlen? Es gab schon immer Austauschprozesse über nationale Grenzen hinweg und es gab schon immer Migration. Die Nation ist letztlich eine Fiktion, auf die wir uns zeitweise geeinigt hatten.

Was ist so beunruhigend an der Globalisierung? 

Dass Demokratie national stattfinden muss, ist fest verankert im Denken vieler Menschen. Doch viele unserer Probleme sind in diesem Rahmen nicht lösbar, denn immer mehr globale und europäische Integration führt dazu, dass auf nationaler Ebene weniger Politik gestaltet werden kann. Das frustriert viele, weil es das Gefühl auslöst, nicht mehr mitbestimmen zu können. In Deutschland kommt dazu, dass sich hier seit den 80er Jahren eine große Verschiebung abgespielt hat. Viele Positionen, die heute die AfD vertritt, waren damals Mainstream und wurden von wichtigen Politikern der CDU vertreten oder auch von der Bild-Zeitung. Die CDU hat lange mit rechten Sprüchen Wahlkampf gemacht; Karrieren wie die von Roland Koch und Günther Oettinger basierten im Wesentlichen auf ausländerfeindlichen Stammtischparolen. Seit den 2000er Jahren ist das allmählich in die Brüche gegangen. Spätestens in der Flüchtlingskrise wurde klar, dass CDU und Springerpresse mittlerweile anders ticken. Diesen Umschwung haben durchaus einige Wähler, aber eben nicht alle mitgemacht; die haben dann gemerkt, dass ihre Meinung auf einmal nicht mehr „Mainstream“ ist – das löst ein Gefühl der Entmachtung aus und macht viele Menschen furchtbar wütend.

Was kann man gegen Unzufriedenheit und Wut tun?

Derzeit regieren in Europa vor allem Konservative, und die versuchen es mit Beschwichtigung: Sie ziehen hier eine Mauer hoch, richten dort wieder Grenzkontrollen ein und hoffen, dass enttäuschte Wähler sich dadurch wieder ernst genommen fühlen. So ertrinken aber tausende Menschen im Mittelmeer; in Griechenland sterben nicht zuletzt dank dem kurzsichtigen Nationalismus im Europäischen Rat viele Alte und Kranke, weil die Gesundheitsversorgung nicht mehr funktioniert. Das kann einfach nicht die Antwort sein. Es wird auch nicht funktionieren – wer rechts wählen will, wird lieber das Original wählen als die schlechte Kopie. Es gibt aber auch viele Menschen, die einfach grundlegende Veränderungen wollen. Und deshalb inszenieren sich die Rechtspopulisten gezielt als sogenannte Alternative. Meine Idee ist deshalb, eine starke dritte Alternative zu bieten, die sich radikal von dem unterscheidet, was bisher diskutiert wird: eine linksliberale Alternative mit neuen Ideen. Warum haben wir keine demokratischen Strukturen und sozialstaatlichen Mechanismen auf supranationaler oder globaler Ebene? Genau solche progressiven Visionen brauchen wir jetzt, damit klar wird, dass es noch eine andere Alternative zum Rechtspopulismus gibt als das Herumwursteln im Status quo.

Was wäre ein konkretes Beispiel dafür? 

Etwa progressive Handelsabkommen. Die EU wird ja wahrscheinlich einen neuen Freihandelsvertrag mit Mexiko aushandeln. Da könnte man sozialstaatliche Mechanismen einbauen. Man könnte zum Beispiel sagen, wir protestieren nicht dagegen, wenn da ein Mindestlohn eingebaut wird. Einer, der für die EU und Mexiko gelten würde und verhindert, dass Firmen abwandern und Arbeitslose zurücklassen.

Und was könnte so eine sozialstaatliche, supranationale Maßnahme innerhalb Europas sein?

Zum Beispiel eine europäische Arbeitslosenversicherung oder ein europäischer Mindestlohn. Wie das realisierbar ist, darüber müssen wir nachdenken. Und eigentlich müssten wir auch schon darüber nachdenken, wie wir in Zukunft mit künstlicher Intelligenz und Robotern umgehen, weil nämlich schon bald, eigentlich schon jetzt, sehr viel Arbeit wegfällt. Zum Beispiel wäre dann die Einführung einer Robotersteuer auf europäischer Ebene sinnvoll, um die wegfallende Lohnsteuer auszugleichen und auf lange Sicht sogar ein europäisches bedingungsloses Grundeinkommen zu ermöglichen.

Ein Vorschlag von Dir ist, Europa politisch zu stärken. Wie soll das konkret aussehen?

Europa muss stärker demokratisiert werden. Das Europäische Parlament hat zu wenig Rechte, während der Europäische Rat und die Europäische Kommission demokratisch schlecht legitimiert sind. Zum Beispiel sitzen im Rat nur die nationalen Regierungen, während die nationalen Oppositionen keine Rolle spielen. Momentan ist aber der Rat die mächtigste Institution. Deshalb sollten das Parlament und die Kommission gestärkt und die Kommission dem Parlament untergeordnet werden, damit wir eine voll ausgebildete parlamentarische Demokratie auf europäischer Ebene bekommen. Dann würden sich die Menschen auch weniger machtlos fühlen, da sie das Parlament als dann stärkste Institution direkt wählen.

Du hast das Magazin „Unsere Zeit“ mitgegründet. Wie kam es dazu und was sind zentrale Inhalte? 

2013 habe ich mich mit ein paar Freunden zusammengetan und langsam wurde es dann größer. Wir wollten unsere Ideen und Visionen festhalten und versuchen, die junge Generation zu politisieren. Wichtige Themen sind Europapolitik, Analysen zum Rechtspopulismus und Nationalismus oder auch Generationen-politik. Mittlerweile geht es deutlich über das Magazin hinaus, das aber immer noch als Denkfabrik funktioniert.

Sind neben dem Magazin andere Aktionen geplant?

Wir wollen vor allem die junge Generation mobilisieren. Wir stellen zum Beispiel einen Direktkandidaten in Stuttgart für die Bundestagswahl auf. Das soll zeigen, dieser Typ – Steffen Schuldis heißt er – ist nicht bekannt, er ist kein Kandidat einer Partei, sondern Politik ist etwas, woran wir alle teilnehmen können, warum sich also nicht mal aufstellen lassen? Außerdem haben wir Ende Februar unser Call for Essays zum Thema „Citizenship and Territoriality“ gestartet. In unserer Welt werden Staatsbürgerschaft und Territorialität immer zusammengedacht, und diese Selbstverständlichkeit wollen wir auflösen. Zum Beispiel leben in Deutschland Millionen Ausländer, die nicht wählen dürfen, nur weil sie in einem anderen Land geboren wurden. Viele dieser Menschen sind seit Jahrzehnten in Deutschland, sie zahlen Steuern, dürfen aber nicht mitentscheiden: Das ist taxation without representation. Und wir wollen jetzt von Leuten aus den unterschiedlichsten Disziplinen hören, wie man Staatlichkeit, Bürgerrechte und Demokratie vielleicht anders denken kann.

Brauchen wir eine europäische Staatsbürgerschaft, die über nationale Territorien hinweggeht?

Ja, ich würde dafür plädieren. Einer unserer Mitautoren ist Brite und gerade nach Florenz gezogen, um dort an seiner Dissertation zu schreiben. Aber jetzt muss er fürchten, dass er seine Rechte verliert, nämlich im EU-Ausland zu leben und zu arbeiten oder auf kommunaler Ebene zu wählen. Er schlägt deshalb vor, eine europäische Staatsbürgerschaft zu schaffen, die unabhängig von Nationalstaaten funktioniert – sodass man sich entscheiden kann, ob man „EU-Bürger“ sein will oder nicht. Das finde ich eine sehr spannende Idee.

Was ist Deine Vision einer Welt über territoriale Grenzen hinweg?

Die Menschheit als imagined community zu denken und einen Weltstaat zu schaffen, in dem föderale Demokratie herrscht. Warum muss gerade die Nation die Gemeinschaft sein, die wir uns vorstellen? Das kann ja etwas viel Größeres sein. Wieso nicht so etwas wie die Menschheit? Das klingt zur Zeit zwar völlig utopisch, ist aber gar nicht so weit hergeholt – es gibt ja schon internationale Organisationen wie die UN oder Elemente globaler Staatlichkeit wie den Internationalen Gerichtshof. Wir denken schon jetzt in globalen Kategorien wie den Menschenrechten. Jetzt brauchen wir nur noch mehr internationale Institutionen, die diese Rechte tatsächlich durchsetzen – und ein Fußvolk, das für diese Ideale auf die Straße geht.

Was können wir dafür tun?

Viel! Geht wählen, geht auf die Straße, startet eine Kampagne, stellt Euch für die Bundestagswahl auf, bringt Euch in den politischen Prozess ein – oder kommt zu Unsere Zeit (lacht). Es kann doch nicht sein, dass unsere Zukunft von rechten Hetzern zerstört wird, nur weil die lauter sind als wir. Laut sein können wir auch!

Interview: Johanna Juni; Foto: Julia Weiher

Das Dalle – Mehr als sehen und gesehen werden

Das Schwimmbad: heiß, nass, viel nackte Haut und hemmungsloses Beglotzen. Nicht umsonst sagt man vom Dalle, wie es von den Würzburgern liebevoll genannt wird, dass es dort nur um Sehen und Gesehen werden geht. Jeder präsentiert seinen Körper, alle glotzen – und das flirten kommt auch nicht zu kurz. Aber ist es denn wirklich so? Und war das schon immer so? 

Um das herauszufinden, ist eine genaue Analyse der verschiedenen Badegäste unverzichtbar. Denn wer glaubt, alle Badegäste liegen quer im Dalle verteilt ohne jedes System, der hat sich getäuscht. Nahezu jeder Gast ist Mitglied einer festen Gruppe. Wer nicht drin ist, gehört auch nicht dazu.

DER TURMFALKE

Fast schon als Rudel kann man da beispielsweise die Turmspringer sehen. Junge, trainierte Kerle, die lebensmüde genug sind, vom berüchtigten 10-Meter-Brett zu springen. Und das auch nicht irgendwie, sondern in akrobatischen Figuren. Sie sind die Könige des Dalle. Jeder sieht sie, jeder kennt sie und keiner traut sich näher an sie ran. Sie sind immer unter sich – und wenn der Turm gerade mal nicht offen ist, tummeln sie sich auf der Tribüne rings um das Sprungbecken. „Wow, wie machen die das?“ Und: „Kann ich auch so einer sein?“ denkt sich wohl so mancher Mann. Von den Frauen ganz zu schweigen. Dass die Turmspringer nicht nur bei den männlichen Badegästen hoch angesehen sind, versteht sich von selbst.

Oder ist das alles doch ein bisschen übertrieben? Ich hab mich ins Territorium der Springer vorgewagt und mal nachgefragt:

Hallo SERVERO, Wie alt warst du, als du das erste Mal vom 10er gesprungen bist – und was war der Anlass dafür? Ich glaub ich war acht. Anlass war, dass ein Kumpel auch vom 10er gesprungen ist. Da dachte ich mir, das muss ich auch können – und bin dann spontan gesprungen.

Wie oft trifft man Dich pro Woche hier im Hochsommer? Eigentlich jeden Tag, außer wenn ich abends Training oder lang Schule habe. Aber wenn’s draußen warm ist, springen wir so gut wie jeden Tag.

Was ist dein bester Trick? Die Katze vom 10er.

Welche Badehose passt da am besten? Calvin Klein in rot (lacht).

Und wie viele Mädels sind schon drauf angesprungen? Ziemlich viele (lacht).

Was sagt die Mutti dazu? Sie hat Angst, dass mir was Schlimmes passieren könnte. Aber da sie ja ohnehin nie im Dalle ist, kann sie auch nichts dagegen machen.

Was kann denn passieren, wenn´s ganz blöd läuft? Bei einer Katze kann eigentlich so gut wie nix passieren – außer dass man auf den Kopf fliegt. Und beim Auerbacher bleibt man im schlimmsten Fall irgendwo am Brett hängen. Aber wenn man sich konzentriert und richtig abspringt, klappt das schon.

Was ist der schwierigste Sprung, den du beherrschen willst? Ein doppelter Auerbacher. Oder crazy cat. Das ist, wenn man sich bei einer Katze einmal im Kreis dreht.

Wie kann man sowas üben? Entweder du machst es auf dem Trampolin – oder du versuchst es erstmal vom 1er, dann vom 3er und arbeitest dich bis zum 10er hoch.

Wie lange bracht man dann, bis man das schafft? Wenn du viel Mut hast und gut trainiert bist, schaffst du´s eigentlich ziemlich schnell. Man sollte halt kein Weichei sein, das ewig auf dem Turm rumschmort, anstatt mal runterzuspringen.

Da sind wir schon beim Stichwort: Warum brauchen viele immer so lange, bis sie springen?  Die können sich einfach nicht überwinden und haben Angst, sich zu blamieren oder sich beim Auftreffen aufs Wasser zu verletzen.

Und warum steht ihr dann manchmal so lange oben? Wir warten nur, bis möglichst viele zu uns hochgucken (lacht).

Und Jetzt die wichtigste Frage: Wer ist der Wer ist denn der beste Turmspringer in Würzburg? Also in unserem Freundeskreis gibt es eigentlich niemanden, der so richtig was kann. Zwar kriegen einige einen Auerbacher hin, aber die Katze können nur mein Kumpel und ich. 😉

DIE DALLE-DAUERBRENNER

Rund ums Schwimmerbecken lebt eine ganz andere Gruppe von Badgästen: die sogenannten Dalle-Dauerbrenner. Knackig braune Damen und Herren im besten Alter brutzeln in der Sonne vor sich hin. Statt Sonnencreme gibt´s Öl – und die Sonnenbrillen scheinen mit dem Gesicht verwachsen zu sein, ebenso wie sie selbst mit dem Dalle. Denn die Dalle-Dauerbrenner sieht man hier einfach immer. Und das seit gefühlten 100 Jahren. Außer in der Sonne zu schmoren und gelegentlich mal ein Buch zu lesen, machen die Dauerbrenner eigentlich nichts. Wissen die überhaupt, dass es hier auch Wasser zum Abkühlen gibt?  Um das herauszufinden, habe ich mich in die pralle Sonne gewagt und Sue und Irmi befragt …

Seit wie vielen Jahren gehen Sie schon ins Dalle? Irmi: Mhhm … wie alt war ich denn da? Auf alle Fälle seit meiner Kindheit, also seit gut 60 Jahren (lacht).. (Anm. d. Red. Das Dallenbergbad gibt es seit 1956).

Sue:  Ich bin hier erst seit 1965, da bin ich nämlich geboren (lacht).

Und warum ausgerechnet dieses Bad? Sue: Ein anderes gab’s einfach nicht.

Irmi: Stimmt – da hab ich noch in Grombühl gewohnt – und alle gingen ins Dalle. Sonst gab es nur den Main. Ich kann mich noch gut erinnern, als hier die Bäume ganz klein waren – da hat man überall nach Schatten gesucht.

Sue: Deswegen saßen sie dann alle hier oben beim Schwimmerbecken in der Reihe. Und wehe, man war nicht so schlank. Da haben die geglotzt. Wir waren hier sogar schon Oben-ohne unterwegs.

Gehen Sie auch mal schwimmen oder sonnen Sie sich nur? Irmi: Klar schwimm ich auch hier, 1.000 Meter jedes Mal. Als Kind bin ich natürlich weniger geschwommen – aber wir waren immer mit den Nachbarskindern da und hatten einen riesen Spaß.

Das Motto des Dalle ist ja bekanntlich „Sehen und gesehen werden“. war das schon immer so? Irmi: Na klar, das war noch nie anders. Als ich so 16/17 war, gehörten wir zu den schönen Mädels. Wir saßen hier in einer Reihe und ließen uns von den Männern bestaunen.

Sue:Damals gab’s auch nur schöne Männer (lacht).

Was hat sich seit damals geändert? Irmi: Ich vermisse vor allem die Bude, die es früher am Kiosk gab, in der Würstchen gegrillt wurden. Und unten, wo jetzt der Kletterturm steht, gab’s so eine Art Karussell, auf dem man stehen konnte. Das war echt perfekt zur Kontaktaufnahme …

Sue: Jaja – früher wurde noch im Bad geflirtet, heute läuft das eher im Internet ab. Schade eigentlich.

Und was ist gleich geblieben? Sue: Vor allem die Leute. Alle, die damals schon ins Dalle gegangen sind, findet man hier auch heute noch.

Irmi: Stimmt – ich kenne hier viele auch vom Sehen, die mit uns alt geworden sind.

Und jetzt noch ein Tipp für die Leser? Sonnencreme oder Sonnenöl für die perfekte Bräune? Irmi: Oh je – früher haben wir Tiroler Nussöl benutzt. Heute verwenden wir natürlich Sonnencreme – und das auch mit viel höherem Lichtschutzfaktor. Damals galten ja 6 oder 7 schon als hoch, heute geht unter 30 gar nichts mehr.

Sue: Also ich nehme immer Weleda Zitronenöl ohne alles.

DIE SANDIGEN SUNNY-BOYS

Wer am liebsten auf der Wiese liegt und auch was fürs Auge haben will, sollte auf alle Fälle sein Lager in der Nähe des Volleyballfeldes aufschlagen. Denn hier tummeln sich die durchtrainierten Fitness-Götter. Klar, wer so einen Körper hat, muss ihn auch zeigen. Und wo ginge das besser als auf dem Spielfeld? Ein Haufen Kerle, ein Ball, viel Sonne und Schweiß lassen so manches Frauenherz höherschlagen. Doch ähnlich wie die Turmspringer sind auch die Volleyballer so gut wie unerreichbar, vor allem, wenn sie auf heißem Sand um den Sieg kämpfen. Da hat man als blutiger Anfänger natürlich kaum eine Chance, mitzuspielen – vom Ansprechen ganz zu schweigen. Wahrscheinlich sind die alle sowieso schrecklich oberflächlich, oder …?

WIR FRAGEN TIMO UND BEN: Wie oft trifft man Euch hier im Hochsommer an Timo: So zwei bis dreimal pro Woche.

Spielt ihr in einer Mannschaft Volleyball ? Ben: Nein, nur freizeitmäßig.

Wie steht ihr so zu den Springern? Timo: Da gibt’s eindeutig zwei Lager. Die sollten hier lieber nicht rüberkommen (lacht). Ne, Scherz – wenn jemand ganz lieb fragt, ob er mitspielen kann, ist er natürlich herzlich eingeladen.

Gibt es also ein festes Team, das jedes Mal kommt? Timo: Nein – eigentlich kann jeder mitmachen, der ein bisschen was draufhat.

Wie oft in der Woche geht ihr so ins Fitnessstudio? Timo: Ich geh so circa fünf Mal pro Woche.

Und wie viele blaue Flecken nehmt ihr durchschnittlich so mit nach Hause? Timo: Kommt ganz darauf an, mit wem man spielt (lacht)

Ben: Kommt immer drauf an, wie gut man spielt (lacht).
Aber mehr als ein aufgeschürftes Knie war bis jetzt nicht drin.

Stimmt Eurer Meinung nach das Dalle-Motto „Sehen und gesehen werden“ noch? Timo: Naja, es ist halt ein Schwimmbad. Was mich betrifft, seh ich das nicht so. Ich bin zum Spaß da; oder besser: zum Spiel und Spaß.

Also werdet ihr nie von Mädels angesprochen? Timo: Ne, selten. Selten bis gar nicht. Ist ja auch niemand da heute. Du hättest nicht heute kommen sollen (lacht).

DER BOSS DER BECKEN

Im Dalle gibt’s also eine Menge unterschiedlicher Charaktere. Wie ist es da zu schaffen, dass es nicht zu Streits kommt? Eine Eskalation zwischen Springern und Volleyballern wäre zwar sicher filmreif, aber vielleicht doch nicht so wünschenswert. Wer versorgt dann die Verletzten? Und wer passt auf, dass im Wasser alles mit rechten Dingen zugeht? Natürlich der Bade-, äh, der Schwimmmeister. Der, der immer alle anraunzt und alles verbietet, was Spaß macht. Oder verbirgt sich hinter dem Mann mit der roten Cap vielleicht doch eher ein ziemlich cooler Typ?

Seit wie vielen Jahren sind Sie Bademeister im Dallenbergbad? Ich war noch nie Bademeister im Dalle.

Seit wie vielen Jahren sind Sie Schwimmmeister? Jetzt hast du aber gut gespickt, ne? Ich will nur dass du´s richtig machst. Mir ist das eigentlich völlig wurscht, wenn mich die Leute Bademeister nennen – aber Du sollst ja nicht ausgelacht werden. Ich bin seit 26 Jahren Schwimmmeister hier – und ernähre damit meine Familie und mich.

Waren Sie früher hier selbst auch Badegast? Ja klar, ich bin Würzburger, hier groß geworden – und gehe praktisch seit meiner Geburt ins Dalle.

Und wie sind Sie dann dazu gekommen, Schwimmmeister zu werden? Mir hat einfach schon immer die Örtlichkeit gefallen – und mit Menschen hab ich auch gern zu tun. Als Kind dachte ich mir: Der Bademeister, der macht ja nix. Gut, das stimmt natürlich nicht ganz – aber mir macht’s einfach riesigen Spaß.

Gab es schon mal einen Ernstfall, bei dem sie jemanden retten mussten? Klar, das passiert schon hin und wieder mal, aber dafür sind wir ja da. Für Lacher sorgen aber immer wieder die Papis in meinem Alter – also so plus/minus 50. Die zeigen gern mal ihren Jungs, was sie in Sachen Arschbombe oder Katze noch so draufhaben. Meistens klappt das aber nicht – und sie landen mit einem riesen Rückenbatscher auf dem Wasser. Das sind dann natürlich keine bösen Verletzungen, aber ziehen tut’s schon gewaltig. We call it a Klassiker (lacht).

Es gibt ja die Legende, dass Mal jemand über den Beckenrand hinausgesprungen ist. Was ist an der Geschichte dran? Also in meiner Zeit hier ist das noch nie vorgekommen – und laut Aussage meiner beruflichen Vorfahren auch nicht in früheren Jahren. Es kann sich also nur um eine Legende handeln.

Was ist so die verrückteste Geschichte, die Ihnen je untergekommen ist? Da kommt mir sofort wieder die Baum-Anekdote in den Sinn. Ein Student hatte beim Frisbee-Spielen die Scheibe in der Baumkrone versenkt. Er kletterte dann auf den Baum, um sie zu holen – traute sich aber nicht mehr runter. Seine Kommilitonen fragten mich dann, um eine Leiter. Die hab ich natürlich auch, nur muss mir das irgendwie entfallen sein. Den Studenten war’s wohl peinlich, nochmal nachzufragen – und so saß der Vogel gute zwei Stunden auf dem Baum. Aber er war mir nicht böse – wir haben alle zusammen gelacht, ein Radler getrunken – und gut war’s.

Stört es Sie eigentlich manchmal, dass Sie bei schönem Wetter zwar im Schwimmbad sind, aber arbeiten müssen? Nein. Erstmal krieg ich Geld dafür, es ist mein Beruf. Andere zahlen Eintritt, um hier sein zu dürfen. Ich genieße jeden Tag hier – habe im Dalle jede Menge Freunde und viele nette Badegäste. Was kann es Schöneres geben?

Also kennt man dann die Leute hier schon und es gibt Stammgäste? Na klar. Ganz gleich, ob Stammgäste oder Gelegenheitsbesucher – die meisten hier sind meine Freunde. Ich kenne sie entweder schon von Jugend an oder weil sie seit Jahren hierher kommen. Man umarmt sich, wenn die Saison beginnt, man ist traurig, wenn sie endet. Ein halbes Jahr ist echt lang …

Was sagen Sie dazu, dass es im Dalle vor allem ums ‚Sehen und gesehen werden“ geht? Das stimmt schon noch. Ich will gesehen werden, genauso, wie die gesehen werden wollen, die hier sind. Ist ja auch blöd, wenn einer an mir vorbeiläuft und wegschaut. Nein, Spaß beiseite: Früher war das echt ausgeprägter. Heute geht’s hier viel entspannter zu.

Und jetzt noch ein letztes Wort an unsere LIEBEN NACHBARN? Aber gerne doch: Ich freue mich auf jeden einzelnen Badegast und hoffe, dass jeder nicht nur gut drauf, sondern auch nett zu mir ist. Dann bin ich auch nett zu euch. Und ich wünsche mir natürlich eine Saison ohne Unfälle und Verletzte. Mögen sich alle gut verstehen und einen fröhlichen Sommer zusammen verbringen!

Unser Fazit: ist der Spruch „Sehen und gesehen werden“ mittlerweile doch nicht zutreffend. Und was die anderen Vorurteile anbelangt, so kann hinter manchem Volleyballer durchaus ein charmanter Typ stecken – und hinter einer braungebrannten Sonnenanbeterin eine lebensfrohe, liebenswerte Dame. Wäre ja auch langweilig, wenn alle gleich wären. Also – packt Eure Badetasche und auf ins Schwimmbad. Welcher Gruppe Ihr dann dort angehören möchtet, bleibt natürlich Euch überlassen ;).

Interviews & Text: Angelina Winkler, Models: Nadja & Larissa
Fotos: Nico Manger & Angelina Winkler

Mobil in Wü

Neu hier? Dann nichts wie ab ins Getümmel. Am besten natürlich mit Bus oder Straba. Wer sich in unserer schönen Stadt dennoch todesmutig per Auto oder Fahrrad von A nach B bewegen will, dem sei Folgendes mit auf den Weg (haha) gegeben.

Berliner Ring

Ja, der Berliner Ring, der Kreisverkehr der Kreisverkehre der Kreisverkehre. Als Auto- oder Fahrradfahrer kommt man in Würzburg um dieses Rondell des Grauens einfach nicht herum. Oder besser gesagt: hindurch. Der Berliner Ring verfügt eigentlich über drei Spuren. Dennoch gilt: Die innere Spur ist grundsätzlich tabu. Der Legende zufolge existiert hierzu auch ein Stadtratsbeschluss aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert, welcher der Redaktion aber leider nicht vorliegt. Warum sich an diesem Verkehrsknotenpunkt gefühlt mehr Staus und Unfälle ereignen als auf der A1 zwischen Köln-Niehl und Kreuz Köln Nord ist vor allem der geografischen Lage des Berliner Rings geschuldet: Er befindet sich nämlich in Deutschland – und der durchschnittliche deutsche Autofahrer ist in Sachen Flexibilität, Improvisation und Kommunikation bekanntlich ja eher so semibegabt. Sprich: Er fährt grundsätzlich hochaggressiv in den Kreisverkehr ein, um anschließend seine Spur bis zur gewünschten Ausfahrt bedingungslos zu behaupten. Für Fahrradfahrer bringt dieses Verhalten ungefähr den gleichen Nervenkitzel mit sich wie ein Bungee-Sprung (ohne Bungee-Seil natürlich). Deshalb empfiehlt die LIEBE NACHBARN Redaktion allen Fahrradfahrern grundsätzlich das Tragen von Vollvisierhelmen und Ritterrüstungen (ebay-kleinanzeigen) und allen Autofahrern eine baldige Aufhebung des Betäubungsmittelverbots am Steuer. Bon voyage.

Würzburger Ringstraße
Wegen eines Knebelvertrags mit dem Verband deutscher Stoßdämpferhersteller und dem Förderverein SUVs für alle e. V. darf der Abschnitt Martin-Luther-Straße von der Kreuzung Rennweg/Rottendorfer Straße bis hinab zum Berliner Ring nicht saniert werden. Die Frist endet frühestens am 24.10.2098, eine Verlängerung ist seitens des Stadtrats angedacht, zumal sämtliche Schlaglöcher und Bodenwellen unter Denkmalschutz stehen. LIEBE NACHBARN kann die Strecke allen Traktoren-, Leopard-II- und Rüttelplatten-Besitzern uneingeschränkt empfehlen.

Radweg vor der Residenz
Der nicht vorhandene Radweg entlang des UNESCO-Weltkulturerbes Residenz gehört eindeutig zu den schönsten nicht vorhandenen Radwegen Deutschland.  Fahrradtourist Horst B. aus Detmold zeigt sich beim Interview im Universitätsklinikum begeistert: „Dieser Blick auf die Residenz, bevor ich von dem Range Rover niedergemäht wurde – das war’s allemal wert.“

Die Rechtsabbiegerampel Richtung Neubaustraße
Als Ausgleich für die Zumutungen am Berliner Ring hat die Stadt Würzburg hier die erste Zen-Ampel Deutschlands installiert. Sie sorgt durch ausgedehnte Rotphasen für willkommene Entschleunigung. Besonders in den Abendstunden lädt die Installation Auto- und Fahrradfahrer zum Verweilen ein. Die Liebe Nachbarn Redaktion empfiehlt, die Zeit dennoch sinnvoll zu nutzen – sei es für die Lösung der Riemann-Hypothese (Mathematik), die Diskursanalyse des Hildebrandsliedes (Ältere Germanistik), Erarbeitung eines tragfähigen Nutzungskonzepts für das Mozart-Areal oder halt Fußnägelschneiden.

Text: Thomas Brandt & Christian Götz

Meer davon

Job gekündigt und Rucksack gepackt: Mein Abenteuer in Galizien.Manchmal muss man im Leben einfach unvernünftig sein. Einfach mal machen, was das Herz sagt: Den Job kündigen, das WG-Zimmer zwischenvermieten, den Rucksack packen, ein Flugticket buchen und los, ab ins Ungewisse! 

Genau das habe ich im vergangenen Jahr getan. Ich wollte eine Auszeit vom 9-to-5-Joballtag, am Meer leben, das Leben mehr genießen und meiner Vernunft mal ein Time-Out verpassen. Denn mal ehrlich: Schließlich ist es doch das Vernünftigste, auf das eigene Gefühl zu hören und das zu tun, was sich gerade gut anfühlt. Klar, das ist oft gar nicht so einfach. Schließlich schwirren in unserem Hirn gerne einmal Worte wie Absicherung, Geld, Existenz oder gar Rente herum – aber hey, manchmal muss man sein hübsches Köpfchen auch mal aus- und das Herz anschalten.

Ab und weg: Auf nach Galicia!

Und während andere in meinem Freundeskreis Kinder kriegen oder Häuschen bauen, lasse ich einfach alles hinter mir. Ich kannte da jemanden, der jemanden kennt und fand mich schneller als gedacht in Spanien wieder. Genauer gesagt in einem Surfcamp nahe Ferrol im bezaubernden Galizien, eine Autostunde von der Pilgerhochburg Santiago de Compostela entfernt. Dort stand nicht nur Surfen für mich und den Rest der fünfköpfigen WAVEROCKER Crew auf dem Programm, sondern auch einiges an Work: Tom organisierte, Manu kochte, Dave lehrte, Janine und ich sorgten als Housekeeperinnen für den ganzen Rest. Sprich: Wir kümmerten uns um die Gäste, machten Frühstück, bezogen unzählige Betten, wuschen Wäsche, füllten hunderte Male die Spülmaschine und sorgten für Ordnung; zumindest irgendwie. Woche für Woche. Mit bis zu 24 Gästen war es oft eine etwas größere Herausforderung, im Chaos den Überblick zu behalten. Aber das ist eine andere Geschichte. Was ich in diesem Zusammenhang aber noch sagen muss – denn ich finde das Wort „Gäste“ eigentlich ziemlich unpassend: Viele der Menschen, die uns dort im Camp besucht haben, waren viel mehr als „nur“ Gäste. Wir haben gelacht, gefeiert und auch geweint. Und so sind viele inzwischen zu echten Herzensmenschen geworden, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte.

Da wundert auch Folgendes nicht: Ich wollte ursprünglich nur zweieinhalb Monate bleiben. Doch schon nach Woche zwei verlängerte ich auf fünf, kurz darauf dann auf acht Monate. Ich wollte nicht gehen, fühlte mich rundum wohl und würde mich auch jetzt am liebsten sofort wieder dorthin zurück beamen. Gut, dass mich ein Flugzeug schon bald wieder dorthin bringen wird, schließlich ist das kleine Örtchen Covas in der Nähe von Ferrol so etwas wie ein Zuhause für mich geworden. Weil es dort so einzigartig schön ist, möchte ich meinen LIEBEN NACHBARN hier in Würzburg gern ein bisschen etwas über meine Lieblingsorte in Galizien erzählen.

Beach, Baby!

Die Menschen, das Essen, die Natur, der Lifestyle – Galizien, diese nord-westliche Ecke Spaniens, hat mir einfach den Kopf verdreht. Aber vor allem die Strände sind unbeschreiblich – und für alle Surfer ein echtes Paradies. Egal, welcher Swell, egal welcher Wind, egal welche Tide – hier findet sich immer eine surfbare Welle. Verantwortlich dafür ist die unterschiedliche Ausrichtung der über zehn Strände, die alle in einem Umkreis von knapp 30 Kilometern liegen. Sprich: Wer auf Wellenjagd liegt ist hier genau richtig – nicht umsonst füllt sich das Line-up schnell mit jeder Menge Locals, wenn es dann mal richtig läuft. Besonders beliebt: der Strandabschnitt namens Doñinos, den man über einen großen Parkplatz erreichen kann. By the way: Dieser ist für Camper und Busse ausgelegt – im Sommer gibt’s sogar Duschen und Toiletten sowie eine süße kleine Strandbar mit mega feinen Burgern. Just perfect – was will das (Surfer-)Herz mehr?

Das Ende der Welt

Das ist aber noch nicht alles: Die Gegend hat noch einiges mehr zu bieten. Klar, wie schon gesagt, natürlich in erster Linie Strände, Strände, Strände. Aber es soll sie auch geben, die Momente, in denen einem auch mal nicht so nach Wellenjagd ist. Dann empfiehlt sich ein kleiner Ausflug zum Cabo Prior: einem Ort, der dem Besucher mit seiner Schönheit wirklich den Atem raubt und sich ein bisschen wie das Ende der Welt anfühlt. Die Klippen am Kap fallen schroff circa 100 Meter ins Meer hinab – und könnte man bis zum nächsten Ufer gucken, würde dort wohl New York City liegen.

Aber am Cabo Prior wird man nicht nur mit Aussicht belohnt; außerdem befinden sich dort ein Leuchtturm (seit 1853 in Betrieb), eine aufgegebene Kaserne inklusive Bunker sowie zahlreiche kleine Trampelpfade, Tunnel und alte Gemäuer. Das Ganze hat etwas Mystisches und lädt förmlich ein, entdeckt zu werden. Rumkraxeln also absolut erlaubt!

Nordgalicia by Nature: Wald statt Strand

Ein weiterer Lieblingsort, der mein Herz im Sturm erobert hat, ist das 2.500 Hektar große Naturschutzgebiet Fragas de Eume. Hier könnte ich Stunden, nein, sogar Tage oder Wochen verbringen. Mit seinem nach Eukalyptus duftenden Wald, dem türkisfarbenem Fluss und der entspannenden Ruhe ist das Gebiet einfach magisch, ein Ort der Ruhe, der berührt. Hier kann man stundenlang durch den Wald schlendern, im Fluss mit dem Kanu umherpaddeln oder mit einem E-Bike herumdüsen – bis zu einem alten Kloster. Wer es lieber ruhiger angehen lassen möchte, auch kein Ding: An mehreren Parkplätzen stellt man einfach seinen Wagen ab und picknickt oder brutzelt seine Chorizos – Sitzplätze inklusive Grillstellen sind vorhanden. Diese Galizier denken einfach an alles …

Viva Ferrol: Nicht schön, aber besonders

Natürlich sollte auch der ein oder andere Städtetrip in Galizien mit dabei sein – denn spanische Städte versprühen einen unglaublich emotionalen Spirit. Klar, wenn man schon einmal in der Ecke ist, sollte man unbedingt A Coruña oder auch Santiago de Compostela besuchen. Wobei letztere Stadt fest in Pilgerhand ist – das mag man, oder eben auch nicht. Mein Herz aber schlägt für Ferrol, eine Stadt, die circa 15 Autominuten von unserem Camp entfernt liegt. Hafenstädte haben ja nicht unbedingt immer einen guten Ruf und strotzen meist nicht vor Schönheit – aber wer galizisches Flair von seiner intensivsten Seite haben will, nix wie auf nach Ferrol! Mein Tipp: Erst ein bisschen durch die Gässchen schlendern, dann lecker typisch galizisch dinieren – inklusive Percebes (Entenmuscheln), Pulpo (gekochter Oktopus) und meinem Alltime-Favourite Pimientos de Padrón (gegrillte, manchmal scharfe Paprikaschoten) – sich dann ein paar Chupitos (Schnäpschen) gönnen und dann so ab circa 1.30 Uhr das Nachtleben genießen. Und das hat es in sich. Feurig, fröhlich, unbeschreiblich. Bis 9 Uhr morgens durchtanzen ist keine Seltenheit. Kein Weg führt dabei übrigens am Super8 vorbei, meinem Lieblingsclub.  Falls ihr es einmal dorthin schafft, wünscht euch beim DJ den Song „Can’t stop the Feeling“, grüßt den Guten lieb von mir und wartet, was passiert. Oh Galizien, Du bist wunderbar!

Text/Fotos:
Julia packt gerne ihren Backpack. Sie liebt es, unterwegs zu sein – egal, ob mit dem Bus, dem Zug, dem Flieger oder zu Fuß. Gut nur, dass sie ihren Job als freiberufliche Texterin so einfach mit dem Reisen verbinden kann. Nichtsdestotrotz freut sie sich immer wieder auf Würzburg. Home is where your heart is. Und so!

Musik trifft auf Glaube

1.000 Chorproben, 160 Gottesdienste, 40 Konzerte

„Wir machen Musik bis jeder beschwingt singt“, ertönt es aus dem Probenraum. Die Mädchen des Vorchors singen ein neues Begrüßungslied. Die jungen Stimmen klingen noch ein wenig wirr, ab und zu wird das ein oder andere Wort vergessen, genuschelt, ausgelassen. Aber das macht nichts, denn genau deswegen üben die Kleinen fleißig zusammen mit der Chorleiterin Frau Horn. Schließlich wollen sie professionelle Sängerinnen werden.

Dass das jede Menge Übung, die richtige Körperhaltung und einen entspannten Kiefer erfordert, lernen sie bereits im Grundschulalter auf spielerische Art und Weise. Der Vorchor der Mädchen und Jungs ist die Grundlage für die Mädchenkantorei und die Domsingknaben. Die Kinder bilden die Basis, sie sind die Zukunft der Dommusik. Weniger verspielt, dafür ein ganzes Stück konzentrierter geht es in der Probe des Konzertchors zu. Hier probt Domkapellmeister Christian Schmid zusammen mit den Domsingknaben für bevorstehende Konzerte und Auslandsreisen. Noten und Liedtexte lesen die Chorsänger aus ihren Musikmappen. Beim Singen müssen sie auf sprachliche und individuelle Aspekte sowie auf die Artikulation achten. Die Stimmen klingen stark, laut und deutlich. Was sich für ungeschulte Ohren nach absoluter Perfektion anhört, empfindet der Domkapellmeister noch ein wenig verbesserungswürdig. „Der Kiefer muss fallen. Das ist ein tiefer Ton”, merkt er an, „Ihr seid zu hoch Freunde”. Bevor der Gesang losgeht, müssen die Kinder erst einmal ausatmen. Außerdem müssen sie die Töne noch bevor sie gesungen werden hören. „Ihr müsst die Töne im Kopf innerlich vorhören“, rät ihnen der Leiter. Es ist etwa die tausendste Chorprobe des Domkapellmeisters am Kiliansdom. Seit 2013 leitet Christian Schmid die Dommusik Würzburg. Sein Ziel: interessante Konzertprogramme durch das Zusammenspiel von Tradition und Moderne schaffen und Glaubensinhalte durch die Musik vermitteln. So leitet der 40-jährige Chordirigent den Würzburger Domchor, den Kammerchor am Würzburger Dom, die Würzburger Domsingknaben sowie das Vokalensemble. Im Interview erinnert er sich zurück an 1.000 Proben, 160 Gottesdienste und 40 Konzerte.

Wie und wann wurde Ihr Interesse für Musik geweckt? Ich komme aus einer Musikerfamilie. Meine Eltern haben daher sehr früh begonnen, meine Geschwister und mich musikalisch zu fördern. Mein Interesse für die Chorarbeit kommt sicher daher, dass ich seit frühester Kindheit selbst in einem Knabenchor gesungen habe.

Seit 2013 leiten Sie die Dommusik Würzburg. Was waren Ihre persönlichen Highlights? Das ist sehr schwer zu sagen. In meinem Beruf erlebe ich viele Highlights. Gelungene Aufführungen, schöne, entspannte, effiziente Proben, Konzertreisen und das Erleben, wie ein Ensemble auch menschlich zusammenwächst, gemeinsames Musizieren mit hervorragenden Instrumentalisten und Sängern, von denen man selber profitiert. Ein Highlight ist für mich aber auch, wenn ein Kind nach einer Probe lächelt und sagt, dass die Probe Spaß gemacht hat!

Wie viele Chorproben und Konzerte haben Sie in Würzburg geleitet? Ich leite während der Woche zwischen sechs und neun unterschiedliche Proben. Das sind dann in vier Jahren gut 1.000. Da bin ich selbst etwas erstaunt. Konzerte waren es in den letzten vier Jahren um die 40. Unsere Hauptaufgabe ist die Gottesdienstgestaltung am Dom. Da habe ich im Jahr etwa 40 zu leiten, das sind dann um die 120 Dienste.

Aus wie vielen Chören besteht die Dommusik und wie viele Personen sind beteiligt? Wir haben fünf Chöre mit unterschiedlichen Profilen am Dom. Das sind die Domsingknaben, der Domchor, der Kammerchor und das Vokalensemble sowie die

Mädchenkantorei, die unter der Leitung des Domkantors steht. Um den Nachwuchs für unsere Jugendchöre möglichst früh auszubilden, beginnen wir mit einer breiten Früherziehung und Eltern-Kind-Sing-Gruppen mit Kleinkindern ab 1,5 Jahren. Wenn man diese Gruppen dazurechnet, kommen zur Zeit über 600 Menschen zu uns in die Dommusik.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus und was sind Ihre Hauptaufgaben? Meine Hauptaufgabe ist die Leitung der Musik an unserer Kathedrale. Das heißt, ich trage die Verantwortung dafür, dass in jedem Gottesdienst Musik erklingt. Einer alleine kann das natürlich nicht schaffen. So ist es an großen Kathedralen üblich, dass die Musik in Orgel- und Chormusik unterteilt wird. Es gibt neben dem Domkapellmeister, der die Chöre leitet, noch einen Domorganisten, der sich um die Orgeldienste kümmert, und einen Domkantor, der den Kapellmeister in der Chorarbeit unterstützt. Ich persönlich leite vier unterschiedliche Chöre am Dom. Mein Arbeitsalltag ist sehr bunt und facettenreich. Die Proben sind meist am Nachmittag ab 16 Uhr bzw. abends. Vormittags bin ich entweder im Büro und habe die klassischen Büroaufgaben zu erledigen oder bereite meine Proben und Gottesdienste vor. Oder aber ich lese und spiele Partituren am Klavier. So erarbeite ich mir die Werke, die ich als nächstes dirigieren werde.

Was unternehmen Sie, um das Würzburger Publikum für Konzerte zu begeistern? Zum einen versuche ich, das klassische oratorische Repertoire zu bedienen, das ein Publikum traditionell anspricht. Ein Weihnachtsoratorium von Bach muss hier dabei sein – oder auch der Elias von Mendelssohn-Bartholdy. Es gehört aber ebenso zu unseren Aufgaben, unbekanntere, aber hervorragende Werke aus allen Epochen der Musikgeschichte zur Aufführung zu bringen. Der Wechsel und das Zusammenspiel von Tradition und Moderne ist kein neuer, doch ein spannender Weg, um ein interessantes Konzertprogramm auch im Dom zu erreichen.

Was ist das besondere Ihrer Aufführungen? Diese Frage sollte eigentlich unser Publikum beantworten. Mir ist wichtig, dass beim Musizieren immer Hingabe und Liebe zur Sache dabei ist. Jeder Ton hat seine Funktion und Berechtigung und muss daher reflektiert wiedergegeben werden.

Wie nervös sind Sie vor Aufführungen? Sehr – leider! Aber das gehört dazu, um die nötige Spannung und Konzentration aufzubringen. Wenn die Aufführung gelungen ist, ist es aber um so schöner, wenn die Anspannung weg ist!

Welche Eigenschaften müssen interessierte Sänger und Musiker mitbringen, um Teil der Dommusik zu werden? Gar nicht so viele, wie man denkt. Zunächst einmal Interesse an der Musik, die wir zur Aufführung bringen. Dann eine gesunde und ausbildungsfähige Stimme – und natürlich die Bereitschaft, die Chorproben zuverlässig wahrzunehmen.

Text & Interview: Meliz Kaya; Fotos: Dommusik Würzburg

Christian Schmid, Domkapellmeister

– 1977 in Stuttgart geboren

– Studium: Dirigieren, Kirchenmusik und Musikpädagogik an der
Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart

– 2007 bis 2013: Domkantor an der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart und Leitung der Domkapelle St. Eberhard

– Seit 2013: Domkapellmeister am Würzburger Dom St. Kilian;
Leitung des Kammerchors, der Würzburger Domsingknaben und 
des Vokalensembles

5 Fragen an UNVERPACKT

Fast vier Monate lang gibt es ihn nun schon: Würzburgs ersten verpackungsfreien Supermarkt in der Sanderstraße. Wir haben Inhaberin Susanne Waldmann und ihr Team getroffen und wollten wissen, wie es zur Ladengründung kam und welche Philosophie dahintersteckt. 

Sind die Produkte bei Euch im Schnitt teurer oder günstiger als im Supermarkt?

Weder noch. Die Produkte kosten etwa genauso viel wie im Biomarkt. Natürlich gibt es Produkte, die teurer sind, aber auch genügend, die unter den durchschnittlichen Bio-Preisen liegen. Das liegt zum einen daran, dass der Verpackungspreis wegfällt – und zum anderen, dass wir unsere Produkte auf kürzestem Wege vom Produzenten beziehen. So wird Getreide beispielsweise günstiger, weil wir das ohne Zwischenhändler vom Landwirt beziehen. Mir ist im Großen und Ganzen wichtig, dass unser Angebot aus der Nähe kommt! Und natürlich sind wir auch Bio-zertifiziert: Bei uns ist also bio drin, wo bio draufsteht.

Regionale Zulieferer, kurze Wege

Und woher kommen die Produkte genau?

Wir arbeiten mit vielen Landwirten und Produzenten aus nächster Nähe zusammen. Unser Gemüse kommt beispielsweise vom Bioland-Hof Kraus-Egbers in Oberaltertheim – und das Brot wird in Versbach gebacken, in der Bio-Bäckerei Thyen. Natürlich sind wir zusätzlich auf Großhändler angewiesen, aber auch da achten wir auf möglichst kurze Wege.

Auch Kaffee und Kakao haben wir im Sortiment, den Kakao sogar direkt aus Würzburg von Perú Puro. Das ist eine wunderbare kleine Firma, die direkt in Kontakt mit den Kakaobauern in Peru steht. Bei Unverpackt kann man außerdem nicht nur herkömmlichen Kakao kaufen, sondern zum Beispiel auch ungeröstete Bohnen zum Kauen – die empfehle ich immer Studenten in der Prüfungsphase, da sind ganz viele Antioxidantien drin, die machen richtig glücklich!

Alles in allem finde ich: Je weiter weg der Produzent, desto undurchschaubarer wird der gesamte Prozess. Deswegen legen wir großen Wert auf regionale Zulieferer und kurze Wege. Wenn wir etwas lokal beziehen können, warum es dann von woanders holen?

Behälter aus nachwachsenden Rohstoffen

Angenommen, man hat nicht genug Behälter zum Einkaufen zu Hause: Kann man bei Euch welche kaufen?

Klar! Darauf sind wir natürlich vorbereitet. Wir haben ganz simple Einmachgläser hier im Laden und auch noch wiederverwendbare Boxen aus ökologischem Material: Das sind die Naturboxen von ajaa, die sind besonders leicht und werden aus den Fasern hergestellt, die bei der Zuckergewinnung entstehen – also komplett aus nachwachsenden Rohstoffen. Die haben wir in mehreren Größen, es ist also für jeden die Richtige dabei.

Was wird es außer dem Verkauf noch geben? Welche Ideen habt Ihr für die Zukunft?

Wir haben natürlich noch ganz viele andere Pläne, werden uns aber zunächst auf den Verkauf konzentrieren. Eine Sache, die es allerdings von Anfang an gibt, ist unser Kunde-zu-Kunde-Regal. Hier können Kunden beispielsweise Behälter reinstellen, die sie nicht mehr benötigen, sodass ein anderer diese nehmen kann. Oder auch Bücher und andere Dinge, die der Unverpackt-Idee entsprechen, Rezepte zum Beispiel.

Ansonsten möchten wir in Zukunft gerne Veranstaltungen anbieten, um Interessierte beispielsweise über Anbau und Fair-trade aufzuklären. Und – das ist aber wirklich noch Zukunftsmusik – ich fände es super, wenn man irgendwann bei uns solidarisch einkaufen könnte. In frühestens zwei Jahren wird das hoffentlich so sein, dass wir an bestimmten Tagen Produkte zu vergünstigten Preisen abgeben. Dabei ist es mir egal, ob davon ein Hartz-IV-Empfänger profitiert, ein Student oder eine alleinerziehende Mutter – dieses Angebot ist für alle da, bei denen gerade die Kasse knapp ist.

Was ist der Renner im Laden? 

Haferflocken! Die hat man ja eh immer zu Hause – und viele Leute sind froh, wenn sie die ohne unnötigen Verpackungsmüll bekommen. Außerdem auch Nudeln und eben alles, was man auch so im Supermarkt kaufen würde – nur hier eben unverpackt.

EINE KLEINE EINKAUFSANLEITUNG

Das Prinzip versteht sich so gut wie von selbst: Zuerst wird der mitgebrachte oder gekaufte Behälter gewogen, damit an der Kasse wirklich nur das Gewicht des Produkts abgezogen wird. Dann füllt man seine Behälter mit allem, was man eben möchte und geht zur Kasse. So einfach ist das!

Stammkunden-Check  bei Unverpackt Würzburg: In bester Nachbarschaft

Gerade erst neu in Würzburg – und schon so vertraut mit allen: „Dorothea, noch ein paar Cranberries auf die Hand? Die magst du doch ganz gern.“ Susanne Waldmann von Unverpackt Würzburg kennt ihre Kundschaft besser als andere ihre Nachbarn. Und Kundin Dorothea nimmt die Cranberries natürlich gerne mit. Nicht nur wegen dieser Vertrautheit kommt die freischaffende Künstlerin regelmäßig in Susannes verpackungsfreien Supermarkt in der Sanderstraße.

Unverpackte Welt

Das Publikum bei Unverpackt ist so bunt gemischt wie das Sortiment selbst: Studenten, Familien, Hausfrauen, Menschen jeden Alters betreten den Laden, bepackt mit Dosen und Flaschen. „Eins haben alle gemeinsam: Wir sind Menschen, die über ihre Umwelt nachdenken und sich bewusst ernähren“, erzählt Stammkundin Dorothea Kerber-Ihle, als wir sie bei ihrem wöchentlichen Einkauf in Susannes Laden treffen. Qualität ist ihr wichtig, und die bekommt sie hier aus nächster Nähe. „Ich wohne schon seit langer Zeit in der Innenstadt – mein Viertel kenne ich wie meine Westentasche. Die Stadt verändert sich, wird immer dynamischer, immer jünger. Ich finde das klasse.“ Ein Laden wie der von Susanne passt für Dorothea perfekt in die Sanderstraße. Wie viele andere Kunden schätzt sie die Lage des Ladens, dank der ihr der weite Weg zum Biomarkt meist erspart bleibt.

Ein Schritt in die richtige Richtung

Doch was macht den kleinen Unverpackt-Laden so besonders? Neben der hohen Qualität liegen die Vorteile für Dorothea auf der Hand – das Unverpackt-Prinzip ist für sie logisch, einfach und vor allem ein Schritt in die richtige Richtung: „Natürlich beruhigt es mein ökologisches Gewissen, wenn meine Lebensmittel nicht dreifach in Plastik verschweißt sind, wie man es in konventionellen Supermärkten leider häufig findet“, berichtet sie und lässt ihren Blick zufrieden durch den Laden schweifen.

„Leere Behälter und Gläser hat man doch ohnehin zu Hause, und früher haben wir es ja nicht anders gemacht. Der Trend zur Nachhaltigkeit wird sich durchsetzen, genau wie das Unverpackt-Prinzip“, ist Dorothea überzeugt. Routiniert läuft sie während unseres Gesprächs durch den Laden, wiegt Gläser, befüllt sie mit Dinkelreis aus der Rhön, Butter vom Bauern und ihren geliebten Cranberries. Ein paar zum Naschen zwischendurch sind natürlich auch drin.

UNVERPACKT KOMMT AN

20 Euro bezahlt Dorothea für ihren Einkauf. Teuer? Auslegungssache, findet sie. Die Produkte kommen aus dem Umland, sind demeter-zertifiziert und so nachhaltig, wie es eben geht. „Ich finde nicht, dass hier alles teurer ist. Und man kann auch sparen, indem man zum Beispiel Spinat mit Kartoffeln und Spiegelei isst oder einfach eine Linsensuppe statt jeden Tag Fleisch oder Fisch“, meint Dorothea.

Zwischen Quiche und Walnussbrot

Heute möchte sie zum Mittagessen eine leckere Quiche essen – eines ihrer Lieblingsprodukte im Laden. Außerdem schwört sie auf die Bitterschokolade und das Walnussbrot: Hauptsache abwechslungsreich. „Genau dafür mag ich die Auswahl hier. Ich kann auch mal kleine Mengen nehmen, wenn ich was Neues ausprobieren möchte und muss nicht gleich ein halbes Kilo davon kaufen.“ Inhaberin Susanne nickt zustimmend: „So geht es vielen Kunden.“

Zum Abschied gibt es noch einen kleinen Plausch an der Theke über allerhand Neues aus der Nachbarschaft. Die beiden Frauen kennen sich hier aus, das merkt man. Und wie das eben so ist unter Nachbarn: Eine Hand wäscht die andere. Deshalb denken die Künstlerin und die Unverpackt-Inhaberin sogar schon über neue, gemeinsame Projekte nach. Unverpackt ist also in Würzburg angekommen. Willkommen in der Nachbarschaft!

Interview Dorothea Kerber-Ihle Unverpackt Kopie_J
Text & Fotos: Jessica Wille

Neulandfrust

Die neueste Serie gestreamt, Nachrichten gelesen, kurz die Urlaubsfotos hoch- und das Rezept runtergeladen, Onlineticket gebucht, im Onlineshop bestellt – und per Onlinebanking bezahlt. Klar soweit? Fast. Denn es gibt sie tatsächlich noch, die weißen Flecken in der Internetlandschaft – auch bei uns in Franken. Ein Erfahrungsbericht.

Einem Bericht von akamai´s [state of the internet] Q4 2016 report zufolge liegt Deutschland im weltweiten Vergleich der Internetgeschwindigkeiten auf Platz 25 hinter Rumänien, Bulgarien und der Tschechischen Republik. Naja gut, wir müssen ja auch nicht überall Weltspitze sein. Doch in unserem Dorf in der tauberfränkischen Provinz übertreiben sie’s jetzt langsam – oder besser gesagt: untertreiben. Hier ist das Internet gerade mal ein Zehntel so schnell wie im bundesdeutschen Durchschnitt, vergleichbar mit Ländern wie dem Kongo, Venezuela oder dem Sudan. Seit 2004 haben wir sage und schreibe eine 2-Mbit-Anbindung. Mega, oder?

Eines Tages dann der Anruf von der Telekom-Hotline:

„Schönen guten Tag.“

„Hallo.“

„Ich rufe an im Auftrag der Telekom und wollte Ihnen mitteilen, dass wir im Zuge der Digitalisierung alle Telefonanschlüsse auf Voice-over-IP umstellen.“

„Sie meinen damit Telefonieren übers Internet?“

„Ja genau, die alten analogen Telefonanschlüsse werden abgeklemmt und telefonieren können Sie dann in Zukunft über das Internet.“ 

Ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen.

„Nein, das glaube ich nicht.“

Kurzes Schweigen.

„Wieso denn nicht?“

„Naja, die Leitungen sind hier so schlecht, dass nur jeder zweite Haushalt überhaupt Internet hat. Für meinen Onkel mussten wir ein Kabel durch den Garten in sein Haus legen, der hat von Ihnen kein Internet bekommen.“ 

Der Mitarbeiter lacht. Ich lache nicht – war ja auch kein Scherz.

Nach einem 15-minütigen Telefonat stellte sich schließlich heraus, dass „man da leider nichts machen“ könne, es aber „zutiefst“ bedauere und die Umstellung auf IP-Telefonie in jedem Fall kommen werde. Da die Telekom bei einer derart schlechten Leitung allerdings keine zuverlässige Funktion gewährleisten könne, gäbe es nur die Möglichkeit, das Internet komplett abzustellen und über einen analogen Anschluss zu telefonieren. Alternativ ließe sich die Leitung auf DSL-Light (384 kbit/s) drosseln. Hier böten sich dann 240 kbit/s fürs IP-Telefon (Sprachqualität „Dosentelefon“) und 144 kbit/s zum Surfen (Surfqualität: „Windstille“). Kurz gesagt: Das entspräche noch einem mickrigen Prozent der Durchschnittsgeschwindigkeit in Deutschland. Man bräuchte dann zwei Minuten, um eine Website zu öffnen, fünf Tage, um einen Film über Amazon-Prime zu laden und ein Game-Blockbuster à la GTA V trüge seinen Namen zu Recht, da die Installation geschlagene fünf Wochen dauern würde!

Schadenfreunde

Also kontaktierte ich kurzerhand über die noch vorhandene Telefonleitung den für uns zuständigen Bürgermeister der größeren Nachbarstadt: Ja, er verstehe, dass das Internet wichtig sei. Nein, zeitgemäß sei das alles nicht. Ja, natürlich gehe Homeoffice nur mit Internet. Deshalb arbeite man fieberhaft an einer Lösung. Nein, darauf könne er momentan nicht näher eingehen. Ich müsse aber auch verstehen, dass die Erschließung einer so kleinen Ortschaft unrentabel sei und überaus belastend für die Kommune. Auf meine Frage hin, ob man uns im Falle der Nicht-Erschließung im Gegenzug von der Steuer befreien könne, fiel ihm plötzlich ein, dass er für das Thema ja der völlig falsche Ansprechpartner sei und das Internet in den Zuständigkeitsbereich der Telekom falle. Bei Letzterer erfuhr ich wiederum, der Ausbau des Netzes sei Ländersache – und so ging es eine ganze Weile hin und her.

Nachdem ich meinen Freunden davon erzählt hatte, überflutete mich eine Welle der Hilfsbereitschaft. Einer erklärte sich bereit, mir einmal wöchentlich meine E-Mails auszudrucken und mit der Post zu schicken. Ein anderer wollte mir – da wir hier nebenbei bemerkt auch kein Handynetz haben – meine Whatsapp-Nachrichten vorlesen, inklusive sämtlicher (!) Emoticons! Wieder ein anderer bot an, für mich nach Gefühl Online-Bestellungen zu tätigen. Er kenne ja schließlich meinen Geschmack und könne schon beurteilen, was mir gefalle und was nicht.

Auch die Idee zu einer neuen Reality-Soap für RTL kam zur Sprache: „Leben in den 90ern“. Man könnte natürlich auch, analog zu den Nachkriegsjahren, Internetmarken an mich verteilen. Kurz: Alle haben herzlich gelacht. Ich nicht. Wieder mal.

Laaaaaaaange Leitung

Einer Aussage der zuständigen örtlichen Behörden zufolge, sollten wir „gegebenenfalls Ende 2018“ in den viel gepriesenen Netzausbau integriert werden. Man weise jedoch ausdrücklich darauf hin, dass es sich um eine vorläufige Planung handle, die keinerlei rechtsverbindliche Wirkung habe. Heißt im Klartext: bestenfalls anderthalb Jahre kein Internet – schlimmstenfalls nie mehr. Damit nahm die Suche nach dem (Internet-)Passierschein A38 ihren Lauf; vom Callcenter der Deutschen Telekom ging es zum Bürgermeister, von dort zum Verantwortlichen für Wirtschaftsförderung, weiter zum Landratsamt, von da aus zum Bundeskartellamt, von dort zur Bundesnetzagentur (mit Abstecher zur Verbraucherschutzzentrale) bis hin zum Wahlkampfbüro des Bundestagsabgeordneten unseres Bezirks. Im Großen und Ganzen waren die Reaktionen überall ähnlich; man verstehe nicht, wie man ein ganzes Ort vom Internet abklemmen könne, es handle sich bestimmt um einen bedauernswerten Einzelfall, man werde versuchen, das zu verhindern, glaube aber nicht, da viel bewirken zu können.

Immerhin: Mittlerweile ist unser Ort in der Region bekannt wie der berüchtigte bunte Hund. Neun Monate wurden wir von einem Kontakt an den nächsten weitergereicht. Drei Wochen vor der Zwangskündigung unseres Anschlusses durch die Deutsche Telekom war es dann soweit: Der Brunnen, aus dem ich meine stoische Gelassenheit zu schöpfen pflegte, war leer – und der Krug längst zerbrochen. In einer letzten verzweifelten E-Mail teilte ich dem versammelten Zuständigen-Korps mit, dass selbst zu uns „Hinterwäldlern“ der vom Bundesgerichtshof bestätigte Grundrechtscharakter des Internets durchgedrungen sei – und dass die Bundesnetzagentur für einen „diskriminierungsfreien Internetzugang“ zu sorgen habe.

So weit, so skurril, so wahr! Immerhin blieb unser Bauernaufstand nicht gänzlich ungehört. Nach aktuellem Stand sollen wir nun doch 2017 angeschlossen und die Zwangskündigungen unserer Internetanschlüsse solange aufgeschoben werden. Geht doch, danke! War das jetzt so schwer? Vielleicht kann ich ja dann meine überteuerte Wohnung in Würzburg wieder kündigen und im Home Office arbeiten. Auf eine gigagantische Zukunft!

Text: Sebastian Fiedler

Zwischen Welten

Der australische Musiker DUNCAN WOODS über Idole, den Sinn des Lebens und seine Liebe zu Würzburg.

Er kommt aus Australien und verbringt seine Sommer in Würzburg, weil er die Stadt liebt. Auf der Alten Mainbrücke hat er sich 2016 mit sieben Studenten der Musikhochschule zusammengetan, um ein neues Bandprojekt zu starten. Man kennt ihn vom StraMu, dem Stadtfest oder gemeinsamen Auftritten mit Soulconnection und Puente Latino. Sein bisher größter kommerzieller Erfolg gelang gemeinsam mit dem Berliner DJ-Duo Frank & Friedrich mit dem Song „Coming Home“. LIEBE NACHBARN hat Duncan und seinen Gitarristen Matze über den Dächern Würzburgs getroffen. 

Duncan und Matze, wie kommt es, dass ein Australier mit Würzburgern Musik macht?Duncan: Meine Freundin lebt in Würzburg und deswegen verbringe ich seit drei Jahren die Sommermonate immer in hier.

Matze: So haben wir uns dann zufällig im letzten Sommer beim Straßenmusikmachen auf der Alten Mainbrücke kennengelernt.

Warum Würzburg, wenn man aus Australien kommt? Duncan: Ich habe mich in die Stadt verliebt: Würzburg hat die perfekte Größe für eine Stadt, denn ich bin kein Fan von Metropolen. Das Wetter im Sommer ist immer gut und ich finde es großartig, dass es ein Zentrum gibt. In Australien haben wir weniger Stadtkerne, sondern eher den Suburban-Style. Dabei ist ein Zentrum perfekt, um Leute zu treffen. Ich fühle mich hier wirklich zuhause, die Menschen sind toll und hier sind die besten Fans der Welt: Sie mögen meine Musik, kommen zu unseren Konzerten, hören sich die Songs im Netz an und sagen mir auf der Straße Hallo.

Hast du einen Lieblingsort hier? Duncan: Ja, ich chille am liebsten im Steinbachtal am Ufer unter den Bäumen. Außerdem ist Rottenbauer sowas wie meine Hood: Meine Freundin ist dort aufgewachsen und deshalb haben wir da viele gute Freunde.

Gibt es eine Location in Würzburg, wo ihr unbedingt mal spielen wollt?
Duncan & Matze einstimmig: Posthalle wäre großartig! Da würden wir nicht nein sagen 😉

Wie seid Ihr eigentlich zur Musik gekommen? Matze: Alle Bandmitglieder außer Duncan studieren hier in Würzburg an der Musikhochschule.

Duncan: Ich habe ursprünglich Physiotherapie studiert und mir Gitarre und Gesang autodidaktisch beigebracht. Jetzt habe ich hier Leute gefunden, die sich auch mit Musiktheorie super auskennen und mich bereichern.

Was macht euren Sound besonders? Matze: Das australische Flair! Unsere Musik strahlt Entspanntheit aus und in manchen Songs hört man die Hitze des Outbacks mit. Kurz: Ein Mashup aus Reaggae, Hiphop und Pop.

Wer sind Eure Vorbilder? Duncan: Cat Empire ist die beste Band aller Zeiten. Und ich verehre Nelson Mandela, er war ein großartiger Mensch.

Matze: Ich liebe die Beatles. Die haben in der Popmusik einfach alles gemacht, was man machen kann. Alle, die danach kamen, haben die Beatles nur noch ausgebaut.

Wie fühlt es sich an, wenn Menschen vor der Bühne eure Songs singen? Duncan: Das kam noch nicht so oft vor, denn ich bin so viel unterwegs, dass die Leute sich noch nicht so leicht erinnern. Aber ich hatte dieses Erlebnis tatsächlich in Würzburg letztes Jahr beim Stadtfest: Da sangen ein paar Leute mit. Das war verrückt, weil ich an sowas nicht gewöhnt bin, ich nehme das nicht für selbstverständlich. Es ist großartig!

Und was war Euer schönstes Konzert-Erlebnis? Duncan: Das war dieses Jahr beim National Folk Festival in Australien. Wir spielten spontan eine Show in einem Zelt. Als wir zu spielen begannen, war niemand da. Und als ich nach zehn Minuten von der Gitarre aufsah, war plötzlich das ganze Zelt voller Menschen, die tanzten und mega viel Energie versprühten.

Gibt es einen Song mit einer besonderen Bedeutung? Duncan: Beauty Queen! Da geht es um Menschen, die sich nur darum scheren, was in ihrem Umkreis geschieht. Sie leben in ihrer eigenen kleinen Welt und nehmen nicht wahr, dass es in vielen anderen Teilen der Welt Menschen gibt, denen es sehr schlecht geht. Stattdessen leben sie in ihrer Blase, in der die Welt schön ist. In dem Song geht es aber nicht darum zu sagen, dass die Welt nicht schön ist. Sondern darum, dankbarer zu sein, für das, was wir hier im Westen haben und sich mehr bewusst zu sein, was jenseits unserer westlichen Welt geschieht.

Was ist euer großer Traum? Matze: Ich möchte in erster Linie gute Musik machen. Es muss nicht sonderlich erfolgreich werden, aber ich würde gern davon leben können.

Duncan: Genau, von der Musik leben und an Orte reisen, die ich liebe, um dort Konzerte auf die Bühne zu bringen.

Was ist eigentlich der Sinn des Lebens? Duncan: Das drückt eine Songzeile von mir ganz gut aus: To live a life of love and laughter. Also: Liebe, Reisen, gute Freunde treffen, leckeres Essen genießen.

Das klingt so wie das, was Monty Pyhton in ihrem Film „The Meaning of Life“ sagen? Duncan: Ja! Es ist ein Klischee, aber genauso ist es. Tu, was du tun willst! Tu nichts, was du nicht tun willst, denn du wirst sterben!

Matze: Da kann ich mich nur anschließen: Machen, worauf man Lust hat und sich nicht verbiegen lassen. Talente nutzen, die einem mitgegeben wurden.

Glaubt ihr an die große Liebe? Duncan: Natürlich glaube ich an Liebe! Aber nicht an die eine große Liebe, sondern an wahre Liebe. Zwischen Freunden, Partnern und so weiter. Man sollte nicht an nur eine große Liebe glauben, sondern an wahre Liebe.

Matze: Ja, ich glaube dran. Schon gefunden? Noch nicht.

Wenn du sie fändest, würdest du ein Lied für sie schreiben? Matze: Ich könnte ja schon im Vorhinein ein paar Lieder schreiben, so vorsichtshalber. Jeder schreibt ja gern über Liebe. Zum Beispiel gibt es da meinen Liebessong Anna.

Worum geht’s da? Matze: Die Quintessenz lautet: Anna, du machst mich Banane. Damit ist eigentlich schon alles gesagt 😉

Mehr Infos und alle Live-Termine von Duncan Woods findet Ihr unter:
http://duncanwoodsmusic.com/
Text & Interview: Johanna Kleinschrot; Titelfoto: Duncan Woods, Foto unten: Sarah Theisen

Is it right or is ist wrong? Wie trifft man die die richtige Entscheidung?

Münzen werfen, Entscheidungskugeln oder gar Glaskugeln befragen, bei Radio Gongs Tarot Lady anrufen, aufs Bauchgefühl hören oder ganz rational eine Liste schreiben – es gibt viele Möglichkeiten, Entscheidungen zu treffen. Wir fragen einen, der es wissen muss: Diplompsychologe Lorenz Wohanka über die Qual der Wahl, Fehlentscheidungen und Co.

Herr Wohanka, was ist sinnvoller: Aufs Bauchgefühl hören oder vernünftig und in Ruhe abwägen?  Es gibt Menschen, die sowohl das eine als auch das andere als absolut sinnvolle Quelle ihrer Entscheidungen anführen. Denn: Bauchgefühl und Darüber-Nachdenken sind letztlich zwei zusammengehörende Pole desselben Vorgangs. Das Bauchgefühl speist sich aus vergangenen Erfahrungen und erworbenem Wissen. Damit kann es eine zeitverkürzende Entscheidungshilfe sein. Gerade bei Menschen, die Experten auf ihrem jeweiligen Wissensgebiet sind, lässt sich diese Form von Expertise heranziehen. Das bedeutet: Jeder Mensch ist – je nach Ausbildung und Übung – in bestimmten Wissens- und Fähigkeitsgebieten dazu in der Lage, mithilfe des Bauchgefühls sehr gute Entscheidungen zu treffen. Wenn dem Bauchgefühl jedoch die Basis fehlt, auf dem es sich „vernünftig“ und mit echter Expertise entwickelt hat, dann wird es schwer.

Was kann helfen, wenn man sich partout nicht entscheiden kann? Eine rein bilanzierende Betrachtung: Überwiegen die positiven Seiten oder Chancen gegenüber den Risiken? Also, raus mit einem Zettel und alle Beiträge, die ich rational und aus dem Gefühl heraus habe, notieren und nach Vor- und Nachteilen sortieren. Dann von einem gewählten Advocatus-Diaboli die Argumente gegen mich prüfen lassen und am Schluss eine Entscheidung fällen. Das Gespräch mit einem Menschen, der meine Argumente hinterfragt und liebevoll prüft, hilft oft sehr. Im Gesprächsprozess, also dann, wenn Menschen ihre Argumente darstellen, klärt sich bei ihnen oft selbst sehr viel im Sinne einer Entscheidung.

Was kann man tun, wenn einem Entscheidungen Angst oder gar Panik machen? Menschen können beispielsweise mithilfe eines Psychologen, der sich ja mit dem menschlichen Erleben und Verhalten professionell auseinandersetzt, erlernen, dass Angst ein Faktor ist, den man kalkulieren und überwinden kann. Wenn es wirklich ein solches Ausmaß annimmt, dass daraus körperliche und damit seelische Beschwerden entstehen, hilft ärztliche oder psychologische Psychotherapie.

Konkretes Beispiel 1: Ein Bachelorabsolvent überlegt, ob er einen Master draufsetzen soll oder direkt in den Beruf startet. Ob der Master in seinem Berufsfeld wirklich Vorteile bringt, ist nicht sicher. Es könnte bei der ein oder anderen Stelle von Vorteil sein, bedeutet aber auch nochmal, zwei Jahre Geld ins Studium zu investieren. Was kann bei einer solchen Entscheidung helfen? Die oben genannte Listentechnik hilft bereits. Dann kommt zusätzlich ins Spiel, dass sich das Leben nicht vollständig kalkulieren lässt: Wir können nicht zu 100 Prozent wissen, ob eine Entscheidung richtig ist. Wir können eine Entscheidung treffen und mit ihr und ihren Konsequenzen umgehen. Außerdem ermöglichen Entscheidungen wiederum neue Entscheidungen. Letztlich ist es wichtig, eine Wahl relativ zügig zu treffen und dann alle Energie in die Umsetzung der Folgen zu stecken. Außerdem bedeutet Entscheidungen treffen nicht, alles richtig zu machen, sondern neue Ausgangsmarken zu setzen, die wiederum neue Entscheidungen ermöglichen.

Konkretes Beispiel 2: Eine junge Frau überlegt, für einen Job in eine neue Stadt zu ziehen. Eigentlich sind ihre Freunde, die sie zurücklässt, das Wichtigste im Leben. Wie lässt sich ein solcher Zwiespalt überwinden? Nur durch die Bereitschaft, die Konsequenzen aus seiner Entscheidung zu tragen. Sie kann jederzeit neue Entscheidungen treffen, wird jedoch erst in diese Lage kommen, wenn sie sich entschieden hat. Auch eine vermeintliche „Nicht-Entscheidung“ ist ja eine Entscheidung: Alles bleibt wie es ist, auch darauf reagiert das Leben.

Gibt es falsche und richtige Entscheidungen? Nein. Es gibt Entscheidungen, die man im Lichte neuer Erkenntnisse aktuell anders treffen würde, als man sie getroffen hat. Exakt hier liegt auch schon das Problem: Retrospektiv urteilen Menschen auf Basis von Erkenntnissen, die sie nicht hatten, als die eigentliche Entscheidung zu treffen war. Daraus kann man eine Regel ableiten: Sieh nach vorn, nicht zurück. Nimm Erfahrungen mit – denn erst sie ermöglichen andere und neue Entscheidungen im Hier und Heute.

Was tun, wenn man eine getroffene Entscheidung im Nachhinein bereut? Dann gibt es einfach neue Informationen im Lichte des Hier und Jetzt. Auf deren Grundlage treffe ich eine neue Entscheidung, gehe den nächsten Schritt.

Warum fallen uns Entscheidungen heute scheinbar schwerer als noch unseren Eltern oder Großeltern? Wir haben wahrscheinlich zu viele Entscheidungsmöglichkeiten und -Vorbilder. Wir kennen dieses Problem aus dem Supermarkt: Wenn ich 30 Joghurt-Sorten vor mir habe, erscheint die Wahl der richtigen Sorte fast als Qual, wie es das Sprichwort schon formuliert. Im Discount-Prinzip bin ich dieser Wahl enthoben. Unsere Eltern und Großeltern hatten eine deutlich eingeschränktere Freiheit und geringere Wahlmöglichkeiten als wir heute. Viele Entscheidungen waren abgenommen oder durch Lebensumstände diktiert. Der Freiheitsbegriff, mit welchem die Generation Y und die ihr folgenden Generationen aufgewachsen sind, ist ein neuer und umfassend wie nie. Angesichts dieser Wahlmöglichkeiten ist eine logische Folge, dass die Mechanismen, welche im Hirn für Entscheidungen verantwortlich sind, in ganz andere Weise gefordert werden als früher.

Ist es überhaupt so wichtig, Entscheidungen zu treffen? Könnte man nicht einfach im Status quo verharren und den Zufall entscheiden lassen? Ja – und zugleich ist auch das eine Entscheidung… Ihr seht, letztlich kann man der Frage nicht entkommen. Am besten ist es, bewusst Entscheidungen zu treffen, dabei zu lernen und vor allem zu erleben, dass genau das Ängste überwindet und durch eine Wahrnehmung von sogenannter Selbstwirksamkeit belohnt wird. Wer vermeintlich den Zufall entscheiden lässt, beraubt sich dessen und erlebt sich passiv. Also, legt los mit dem Leben und seht, was ihr wie entscheiden könnt!                                 Interview: Johanna Juni