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BETT & WIN

Er dümpelt bereits seit Jahren zwischen Glücksratgeber und „Die Milchmörderin aus Smörrebröd“ vor sich hin. Der „Schinken“. Hygienisch einwandfrei, weil nie benutzt. Zu schwer, zu sperrig, zu monumental, diese Goethes, Hebbels, Stifters und Co. Wirklich? Wir haben sie trotzdem aus dem Regal gezogen, fanden Bekanntes, Unbekanntes, Wahnsinniges – kurz: erstaunlich gute alte Seiten. Aber lest selbst:

Iwan Gontscharow: Oblomow „Gooontscharow! Oblomow! Kenn’se nich? Na, dann könn’se ja gleich Design bei der Müllabfuhr studieren!“ Diese herzliche Leseempfehlung meines ehemaligen Literaturdozenten verfolgte mich irgendwie jahrelang. Ich trug sie vor mir her, schob, verdrängte, (er-)fand Ausflüchte … und „handelte“ dabei unwissentlich ganz im Sinne des Protagonisten. Denn so gut wie nichts anderes „tut“ auch der lethargische Adelsspross Ilja Iljitsch Oblomow über die gesamte Erzählung hinweg, die bei Literaturfans weltweit Kultstatuts genießt.

Handlung – wozu?
Ein Handlungsträger, der nicht handelt. Das muss man sich erstmal trauen. Zumal es wahrlich höchster Erzählkunst bedarf, den Plot eines über 700 Seiten dicken Romans hauptsächlich im und um das Bett der Hauptfigur anzusiedeln, ohne den Leser dabei selbst komplett zu „oblomowisieren“. An der „Handlung“ kann es hier naturgemäß schonmal nicht liegen; die wenigen Ereignisse, welche sich hauptsächlich um Oblomow herum ereignen (von einem (!) Orts- bzw. Bettwechsel abgesehen) schlage der geneigte Interessent in Kindler, Wiki und Co. nach. Nein, der Zauber dieses Werks liegt woanders: Es sind, nicht nur für die Historiker unter uns, die grandiosen Innenansichten des Repräsentanten einer maroden Oberschicht, die mit den Anforderungen der Moderne nicht mehr Schritt zu halten weiß – wunderbar gespiegelt unter anderem in Oblomows Tagträumen von seiner Kindheit auf dem großen Familien-Landgut, dessen (zeitgemäße!) Bewirtschaftung er nun sträflich vernachlässigt. Im geschichtsenthobenen Schlaraffenland von einst sorgte die (heute würde man sagen) Helikoptermutter für Ilja Iljitschs Rundum-Gefahr-und-Sorglos-Paket – und legte damit den Grundstein für lebenslange Antriebsschwäche und Realitätsverweigerung.

Lieber Nachbar
Doch wie sieht sie eigentlich aus, jene Realität, der sich Oblomow so konsequent entzieht? Die Antworten darauf liefert Gontscharow wieder mit grandioser Figurenzeichnung. Da ist zum Beispiel der „Mann unbestimmten Alters (…) weder groß noch klein, weder blond noch brünett, weder hübsch noch hässlich. Die einen sagten, er hieße Iwanow, andere nannten ihn Wassilijew oder Andrejew, wieder andere dachten, sein Name sei Alexejew. Sagte man einem Fremden, der ihn zum ersten Mal sah, seinen Namen, vergaß der ihn sofort wieder, auch sein Gesicht vergaß er. (…) Trägt man ihn im Amt dies oder jenes auf, so macht er es so, dass es dem Vorgesetzten jedes Mal schwerfällt, seine Arbeit zu beurteilen; er sieht sie sich an, liest und liest und kann dann nur sagen: „Lassen Sie es hier ich werde es mir später anschauen …“ Er hat weder Freunde noch Feinde, dafür eine Menge Bekannte. (…) Dieser Alexejew, Wassilijew, Andrejew (…) ist gewissermaßen ein bruchstückhafter, unpersönlicher Fingerzeig auf die Menschenmasse, ein lautloser Widerhall, ein matter Abglanz.“ Respekt, das hat gesessen. Willkommen in der Gegenwart! Willkommen im weißen Einfamilienhaus-Neubau, willkommen in der Welt der gefälligen Reduktion, der Duckmäuser, Nachplapperer, SUV-Fahrer und sonstigen Stromschwimmer.

Wenig Lärm um nichts
Und das war nur eine der Gestalten, die Oblomow in seinem Schlafzimmer heimsuchen. Da wäre natürlich noch, auf der Freundesseite, der es stets gut meinende und vor Gesundheit nur so strotzende Vertreter des abendländischen Aktivitätsmodus (hier lustigerweise auch noch ein Deutschrusse namens Stolz), wiederum konterkariert von verschiedenen hinterkünftigen Gestalten, die aus der Naivität des Protagonisten schamlos Profit ziehen. Belanglose Kleinbürger, kaum weniger belanglose, aber dafür umso „vitalere“ Gutmenschen mit maßgeschneiderten Lebensglück- und Ernährungsplänen, bauernschlaue Profiteure – klingt irgendwie nicht nur nach der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts … Spätestens am Ende dieses Meisterwerks dürften sich die wenigsten über die allgegenwärtige Oblomowerei ausgerechnet derjenigen wundern, die eigentlich das geistige Rüstzeug besäßen, unsere Gesellschaft in eine lebenswertere Zukunft zu führen. So ist es ausgerechnet Stolz, der nach Oblomows Schlaganfall-Tod die ganze Tragik dieser hochaktuellen Geschichte bedauernd auf den Punkt bringt: „Er ist um nichts zugrunde gegangen!“ Über dieses Nichts sollten wir uns dringend Gedanken machen …

Iwan Gontscharow / Oblomow/ Neu übersetzt von Vera Bischitzky / dtv

Text: Christian Götz

MY BIG FAT ITALIAN WEDDING

Ein Leben ohne Pasta? Möglich, aber sinnlos. Dazu trinke ich am liebsten staubtrockenen italienischen Rotwein, mit dem man aufgrund seiner teerartigen Konsistenz auch so manche kampanische Schlaglochpiste flicken könnte, bestelle in der besten Caffè-Bar Würzburgs am Grafeneckart zwei CappucchinI – und amüsiere mich derweil über die zutiefst deutsche Anstehkultur der anderen Gäste, die sich brav in einer Reihe vor der Kasse platzieren, anstatt einfach lässig an der vollkommen leeren Bartheke links auf ihr Heißgetränk zu warten.

Und – wer hat’s gemerkt? Natürlich schreibe ich „Caffè“, weil ich weiß, das man das in Italien nunmal so schreibt. Insofern: absolut schuldig im Sinne der Anklage – ja, ich bin italophil, vom Scheitel bis zur Stiefel-Sohle (mio!). Warum dieses faszinierende Fleckchen Erde seit Jahrhunderten eine derartige Anziehungskraft auf uns auch emotional gelegentlich so frostgebeutelte Nordmänner und -frauen ausübt – darüber haben sich klügere Menschen als ich bereits den Kopf zerbrochen.  Natürlich ohne eine veritable Antwort zu finden. Vermutlich macht genau das den ungeheuren Reiz Italiens aus. Es ist irgendwie … unfassbar. Unfassbar schön, unfassbar charmant, kurios, absurd, ja, gelegentlich auch unfassbar fragwürdig. In jedem Fall aus deutscher Perspektive unfassbar undeutsch.

Doch wie bei vielen anderen typischen Touristenzielen dieser Welt wird die Sache auch im Falle von Italien erst so richtig interessant, wenn man einen Blick hinter die gigantische Klischee-Kulisse wirft, die sich in den vergangenen 40 Jahren vom Gardasee, dem Laggo Maggiore und der deutschen Toskana-Kolonie aus bedrohlich realitätsverzerrend Richtung La Germania aufgetürmt hat. Denn zwischen all den Kreuzfahrtkolossen, weichgezeichneten Reisereportagen mit Titeln wie „La Dolce Vita“ oder Jamie-Oliver-So-einfach-geht-echte-italienische-Pasta-Kochbücherschinken hat tatsächlich noch eine andere Version von Italien bis in unsere Zeit überdauert. Ein Italien, in dem die Menschen jeden Tag ihr ziemlich gewöhnliches Leben leben – und dabei im Grunde hin und wieder gar nicht so viel anders sind als wir Deutschen.

Bis zu dieser Erkenntnis war es allerdings ein ziemlich langer Weg. Ein 1.754 Kilometer langer Weg, um genau zu sein. Von Würzburg in ein winziges Dorf in der nicht weniger winzigen süditalienischen Region Molise. Molise? Bevor der ein oder andere Leser jetzt hastig das Register seines 9,90-Euro-Die-besten-Reiseziele-in-Bella-Italia (mit-Insidertipps!) aufschlägt: Molise ist für Italiener in etwa das, was für Deutsche der Hunsrück ist. Es ist bekannt, dass diese Gegend auf der Landkarte prinzipiell existiert, irgendwo „da hinten/drüben/unten“; doch weshalb man nun ausgerechnet dorthin fahren sollte, wo man doch auf der aldn Mainbrügge a schöns Brüggnschöpple drinkn könnd …?

Nun, diese Frage ließ sich in meinem Fall recht einfach beantworten. Der Grund, weshalb ich den beschwerlichen Weg in diese zweitkleinste, wunderbar ursprüngliche Region Italiens an der Adriaküste, eingebettet zwischen den Abruzzen, Latium, Kampanien und Apulien, auf mich nahm, war – natürlich – die Liebe. Gemeinsam mit meiner Freundin, die als Archäologin im Rahmen eines internationalen Forschungsprojekts regelmäßig nach Molise reist, wurde ich dort Anfang Oktober auf eine italienische Hochzeit eingeladen. Und wenn dich jemand auf eine italienische Hochzeit einlädt, dann fährst du gefälligst dorthin. Dieses Angebot kannst du definitiv nicht ausschlagen.

Im Land des guten Geschmacks
Der Kellner bringt Essen. Schon wieder. Leicht angeschickert blicke ich über meinen ungesund gewölbten Bauch nach unten auf den Teller mit Meeresfrüchte-Nudeln und denke mir: Ein Leben ohne Pasta – möglich, und zum jetzigen Zeitpunkt absolut erstrebenswert. Der Zeitpunkt: 18 Uhr am frühen Abend im Gastraum eines bis zum Bersten gefüllten Landrestaurants in der molisanischen Pampa. Um mich herum fechten die andern rund 400 (!) überwiegend italienischen Gäste einen Kampf aus, wer a) mehr essen b) lauter reden oder c) länger auf den Tischen tanzen kann, während er dabei isst und ziemlich laut redet respektive singt. Die Szenerie wirkt reichlich surreal, obwohl ich mir meine erste italienische Hochzeit in etwa so vorgestellt hatte. Wieviele Stunden ich schon esse, vermag ich nicht zu sagen. Angefangen hat alles, das weiß ich noch, irgendwann am frühen Vormittag. Im Haus des Bräutigams hatte sich die Hochzeitsgesellschaft zum „Buffettino“ eingefunden, dem „Buffetchen“ sozusagen. Man lasse sich von dem Diminutiv nicht blenden: Mit all den kleinen Snacks, gefüllten süßen Stückchen und lokalen Spezialitäten hätten die versammelten Gäste problemlos auch mehrere Wochen in einer alpinen Gletscherspalte überleben können.

Reichlich überrascht war ich zugegebenermaßen von der ziemlich heterogenen Kleidungswahl der männlichen Anwesenden. Ich hatte mich eigens in meinen eng geschnittenen schwarzen Anzug samt weißem Hemd und schwarzer, schmaler Krawatte gezwängt, um unter den in Sachen Stil ja bekanntlich äußerst versierten Italienern so wenig wie möglich aufzufallen. Zu meinem Erstaunen musste ich jedoch feststellen, dass auch im Heimatland des guten Mode-Geschmacks auf einer Hochzeit ganz ungeniert karierte Sakkos mit roten Hemden und blauen Krawatten kombiniert werden, Letztere selbstverständlich in allerlei aufregend-kreativen Designs, man will ja Akzente setzen! Angesichts dieser mannigfaltigen optischen Eindrücke fühlte ich mich also im tiefsten Italien mit meinem klassisch-schwarzen Anzug nicht nur etwas overdressed, sondern auch ein kleinwenig an manch deutsche Hochzeit erinnert, auf der es grundsätzlich diesen Onkel gibt, ob dessen Garderobenwahl (gelbe Hose, rotes Sakko, grüne Fliege und Schlimmeres) irgendwo auf der Welt ein Modedesigner beginnt, leise in seinen Kaschmirpullunder zu weinen.

Der alte Mann erzählt noch mehr
Mein nächstes Italien-Klischee, das sich während unseres Abenteuertrips nach Molise in Wohlgefallen auflöste, offenbarte sich – wie passend – während der anschließenden Trauung in der schmucken Dorfkirche. Die Zeremonie teilten sich zwei Priester, einer davon schon etwas betagt und, wie das bei älteren Menschen jedweder Nationalität nunmal der Fall ist, reichlich redselig. Nachdem die erste Stunde verstrichen war und der gute grauhaarige Geistliche vor dem Altar noch immer munter über die historischen Hintergründe des Dorfes, der Kirche, der Region, Italiens, der Welt und des Universums referierte, erhielt das opulente Buffettino so früh am morgen plötzlich eine ganz pragmatische Bedeutungssphäre. Offensichtlich war ich allerdings nicht der Einzige, der während des ausufernden Vortrags irgendwann den Faden verlor und von Hungergefühlen geplagt wurde. Mit fortschreitender Zeit stieg der Genuschel-Pegel in den Reihen der Gäste hörbar an; selbst der Onkel des Bräutigams blickte mit typisch-italienisch vor der Brust auf und abwippenden Händen irgendwann in Richtung der Kirchenmusiker, um ihnen zu signalisieren: „Spielt einfach los, dann hört er vielleicht auf zu reden.“ Von stillschweigender italienischer Gottesfürchtigkeit war in diesem Moment nicht viel zu sehen; andere Zuhörer geleitete die sonore Stimme des Priesters gar auf direktem Weg in Morpheus Arme. Ein friedliches Bild – das sich jedoch just nach der knapp zweistündigen Trauung unmittelbar in nervöses Gewusel kehrte. Gratulieren wir gleich oder erst später? Werden jetzt auch schon Fotos gemacht? Warten wir nun alle vor der Kirche auf das Brautpaar? Geht’s dann direkt ins Restaurant? Fragen, die einem auch auf deutschen Hochzeiten regelmäßig im Weg stehen und bei denen die Italiener keinen Deut souveräner sind als unsereins. Aber am Ende klappt doch alles irgendwie – und sogar diese eine, dem Prosecco sehr zugetane Tante mittleren Alters, schafft es auf wundersame Weise zur eigentlichen Hochzeitslocation.

Die Entdeckung der Gelassenheit
Der Kellner bringt Essen – und ich esse. Ich esse Weißbrot und Parmaschinken, Weißbrot und Salami, kleine Fischpasteten, Nudeln mit Meeresfrüchten, Gamberi, gegrillte Pilze, Nudeln mit Tomatensugo, gebratenen Fisch mit Haut, kleine Sardellenfilets, noch mehr Weißbrot, gegrilltes Lammfleisch mit Rosmarinkartoffeln; ich esse und esse und esse, bis mein eng geschnittenes Slim-Fit-Hemd bedrohlich zu spannen beginnt. Ja, auf einer italienischen Hochzeit wird sehr viel gegessen. Das ist kein Klischee, das ist beinharte, gegrillte und mit reichlich Olivenöl eingeriebene Wahrheit. Andererseits habe ich bislang auch von relativ wenigen deutschen Hochzeiten gehört, auf denen irgendwann die Nahrungsmittel ausgegangen wären. Worin sich dieser Höhepunkt des Festes allerdings deutlich von Hochzeitsfeiern in nordischen Gefilden unterscheidet, ist die grundsätzliche Struktur und Ordnung. Beides scheint es nämlich hier, im tiefsten Italien, nicht zu geben. Vieles läuft hier kreuz und quer und parallel. Während die einen im Vorraum am Tresen ihren Caffè trinken und diverse Schnäpse degustieren, genießen die anderen einen der gefühlt 25 Gänge, während wieder andere – wie oben beschrieben – um 18 Uhr auf den Tischen stehen und dabei in allen erdenklichen Tonhöhen alte italienische Schlager zum Besten geben. Erst Sektempfang, dann die allseits beliebten Spielchen, dann Essen, dann Kaffee und Kuchen, dann Spaziergang und/oder Fotos machen, gefolgt von Feier und Käseplatte? Fehlanzeige! Ein klein wenig erinnert mich das Ganze an die eingangs beschriebene Caffè-Bar-Szene: Wo die Deutschen in ihrer angestammten Ordentlichkeit brav vor der Kasse eine (sehr gerade) Schlange bilden, nutzen die Italiener den gebotenen Raum bestmöglich aus, rufen dem nie überfordert scheinenden Barista von überall her ihre Bestellungen zu – bis schließlich jeder zufrieden sein Getränk serviert bekommt. An der mysteriösen Dynamik italienischer Bars mag sich so mancher Mathematiker die grauen Zellen zermartert  haben – was am Ende zählt: Es klappt. Irgendwie.

Irgendwie. Vielleicht gibt es kein besseres Wort, um Italien an sich zu beschreiben. Irgendwie funktioniert das Land, irgendwie funktionieren die Menschen – und irgendwie hat diese italienische Hochzeit funktioniert. Irgendwie wohnten übrigens auch sämtliche (Klein-)Kinder dem Fest völlig selbstverständlich bis 24 Uhr und länger bei, ganz ohne gebuchtes Unterhaltungsprogramm durch einen promovierten Pädagogen mit langjähriger Spielkreis-Erfahrung, wie man das auf manch deutscher Helikop-terelternhochzeit schon gesehen haben soll.

Apropos: In einem halben Jahr heiraten gute Freunde von mir. Derzeit diskutiert das Brautpaar, ob man eher eine Candy- oder doch eine Salty-Bar einrichten solle, schließlich seien die Erwartungen an eine Hochzeit seitens der Gäste heute enorm hoch, habe man in einschlägiger Heiratsliteratur gelesen. Parallelen und Klischees hin oder her: In solchen Momenten wünsche ich meinen Freunden einen Ticken mehr mediterrane Gelassenheit und – ganz italophil – eine ordentlichen Klecks mehr „irgendwie“.

Text: Thomas Brandt; Fotos: Privat

Julia Rösch

Julia Rösch packt gerne ihren Backpack. Sie liebt es, unterwegs zu sein – egal, ob mit dem Bus, dem Zug, dem Flieger oder zu Fuß. Gut nur, dass sie ihren Job als freiberufliche Texterin so einfach mit dem Reisen verbinden kann. Nichtsdestotrotz freut sie sich immer wieder auf Würzburg. Home is where your heart is. Und so!

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Hallo Nachbarn…

Kennst Du eigentlich Deine Nachbarn? Wirklich? Gut?
… oder hast Du nur eine Meinung über sie, die auf ihrer Kleidung, dem nicht korrekt befüllten Gelben Sack oder den üblichen Treppenhaus-Hallo-Oberflächlichkeiten beruht?

Unsere beiden Models auf dem Titel sehen so aus, als seien sie dem Neuköllner-Hipster-Zoo entwischt und würden gerade im angesagtestem Start-up der Stadt ein ultra-fancy-mäßiges Praktikum anfangen … Nix da: Michel (der Jüngling im Foto links) macht gerade – very, very oldschool – eine Lehre als Holzbildhauer (Ja, auch die sind systemrelevant!) und Lilli ist vom hippen Berlin hier aufs Land gezogen und freut sich sehr über die Ruhe. Hättet Ihr nicht erraten, oder?

Wir sind in dieser Ausgabe wieder raus in unsere Stadt gegangen und haben uns mit anderen Augen umgesehen: Haben Menschen getroffen, die Nachbarn bzw. Mitbewohner geworden sind und sich gegenseitig helfen … die Geschichten aus ihrem oft nicht leichtem Leben erzählen (living books) und neue Konzepte gesponnen: (Gewerbegebiet-Lust, whats that?) … sind in Kantinen für Euch essen gegangen (Ja, wir haben es überlebt und zwar gar nicht so schlecht!) … waren in 24 verschiedenen Kirchen, um vorweihnachtliches Licht und Stimmungen einzufangen … und haben uns Gedanken zu Äpfeln, Balkonen und berühmten Hashtags gemacht. Aber nun lest selbst – und werdet nicht müde, Euch ein unvoreingenommes Bild zu machen.

DIE LIEBEN NACHBARN.

 

MODELS: Michel & Lilli
FOTOS: Nico Manger
HAIR & MAKEUP: Maria Mihm by Friseur Mihm / Mellrichstadt

THE QUINTS HI, FIVE!

FÜNF WÜRZBURGER DOMSINGKNABEN MACHEN SICH SELBSTSTÄNDIG. WIR HABEN JAKOB, NOCH EINEN JAKOB, SIMON, PHILIPP UND MICHAEL GETROFFEN, UM  MIT IHNEN ÜBER IHRE MUSIK UND IHRE VISIONEN ZU REDEN

Jung, wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Man mag es kaum glauben, aber wir haben uns tatsächlich beim Singen kennengelernt. Wir haben alle als kleine Kinder bei den Würzburger Domsingknaben angefangen zu singen und hatten dadurch keine andere Wahl, als viel Zeit miteinander zu verbringen. Deswegen verstehen wir uns auch so gut, da ein so spezielles Hobby natürlich sehr verbindet.

Studiert ihr oder arbeitet ihr schon? Teils teils, zwei arbeiten schon und drei studieren noch. Auf jeden Fall hat es bei jedem etwas mit Musik zu tun.

Wie sind eure Rollen in der Band verteilt. Wer übernimmt was?  Die sind ganz klar verteilt: Schwemmi ist für die modische Ausstattung des Ensembles zuständig, da er immer perfekt passende Fliegen mitbringt, Simon organisiert uns Auftritte am Arsch der Welt, also seiner Heimat, Jakob und Jakob sind die Klassenclowns und für die schlechten Wortwitze während der Probe zuständig – und Michi passt hauptsächlich darauf auf, dass er nicht krank wird, da hohe Männerstimmen sehr schwer zu ersetzen sind! 

Wie ist die Idee entstanden, ein Junge-Herren-Ensemble zu gründen? Bei den Domsingknaben fängt man nach dem Stimmbruch mit ungefähr 16 Jahren als Männerstimme bei den sogenannten „jungen Herren“ wieder an zu singen – und wird unweigerlich von den Älteren in die Kneipenszene Würzburgs eingeführt. Nicht selten kommt es dann vor, dass das ein oder andere Lied gesungen wird, das im Dom inhaltlich keinen Platz findet. Meistens kommt das ganz gut an, aber ab und an kommt es auch vor, dass man ausgebuht oder gar mit Essen beworfen wird. Um das zu vermeiden, beschlossen wir, uns regelmäßig zu treffen und die Stücke zu üben. Ziemlich schnell hatten wir dann kleinere Auftritte und so bildete sich daraus ein Ensemble mit fester Besetzung und festem Probentermin.

Ihr kennt euch ja von der Dommusik. Seit ihr dort noch tätig? Ja, wenn man einmal Domsingknaben war, kommt man davon nicht mehr los! Wir singen alle im Kammerchor des Doms und teilweise noch in weiteren Chören, einer von uns ist inzwischen sogar Mitarbeiter der Dommusik. Als The Quints haben wir auch schon öfter auf Veranstaltungen des Dommusikvereins gesungen.

In welche Richtung geht eure Musik? Warum habt ihr euch für diese Art von Musik entschieden, das ist doch eher ungewöhnlich für euer Alter … Wir singen eigentlich alles, was uns gefällt, egal ob es aus dem 17. Jahrhundert oder von heute ist. Natürlich sind wir bei den Domsingknaben vorwiegend mit klassischer Musik aufgewachsen und fühlen uns da zuhause. Dabei achten wir darauf, dass wir zeitlose Stücke aussuchen, damit dem Publikum nie langweilig wird und für jeden Geschmack etwas dabei ist! Für unser Alter ist das tatsächlich eher ungewöhnlich, das macht uns aber eben so interessant 😉

Ist es eurer Ziel, später mal beruflich, vom Singen zu leben? Gegenfrage: Ist es euer Ziel, später mal von Euren Interviewfragen zu leben? Äh nein, wir machen das NATÜRLICH just for fun 😉

Wir haben gesehen, dass euer Publikum eher vom älteren Semester ist. Wie ist das für euch als relativ junge Sänger, vor einem Publikum 50+ aufzutreten? Habt ihr schon irgendwelche Nummern zugesteckt bekommen? 😉

Das ist gar kein großes Problem für uns, da es ja genügend Mütter mit schönen Töchtern gibt :). Außerdem können wir uns über die Zahl unserer jungen BewunderInnen nicht beklagen!

Wo kann man euch denn DEMNÄCHST mal live sehen?
Die Wahrscheinlichkeit ist eigentlich am größten, dass man uns singend im Schelmenkeller, unserer Stammkneipe, antrifft! Ansonsten ist unser nächster öffentlicher Auftritt in Würzburg am 6. Dezember in der Augustinerkirche – und unser nächstes großes Konzert in Würzburg geht am 17. Februar im Spitäle über die Bühne. Also kommt vorbei!

Was war euer schönster/schlimmster Gig und warum?

Es gab einen Auftritt, bei dem zwei Stunden vor Beginn unser erster Tenor stimmlich komplett ausfiel. Wir waren kurz davor abzusagen, haben uns aber zusammengesetzt und spontan zu viert ein komplettes Konzertprogramm aufgestellt, bei dem dann fast jeder eine andere Stimme singen musste, als die, die er gelernt hatte. Ein spannendes Erlebnis, das wir so aber nicht unbedingt nochmal erfahren müssen. Der schönste Gig war unser erstes richtiges öffentliches Konzert, bei dem einfach alles gepasst hat. Es war ausverkauft, open-air mit perfektem Wetter, super Akustik und vor allem toller Stimmung.

Gibt es noch was zu sagen? Wer Radler trinkt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren 😉

Äh ja, Danke, das ist JA hochinteressant! In diesem
Sinne hoffe wir, noch viel von Euch zu hören 🙂

Interview & Fotos: Nico Manger, Sarah Theisen