NACHBARN, STADTBILD

Campingplatz Kalte Quelle

3-Sterne-all-inclusive auf Malle war gestern:

Wer heutzutage gediegen urlauben möchte, der campt wieder.  Ein besonders entdeckenswertes Kleinod für Erholungs-suchende mit mobilem Zuhause liegt direkt vor unserer Haustür. Vollbepackt mit Vorurteilen von Plastiktischdecken, Gartenzwergen und Co. haben wir ihm einen Besuch abgestattet – und wurden in vielerlei Hinsicht überrascht …

Elf Uhr mittags an einem Sommertag in Heidingsfeld.

Etwa zehn Kilometer südlich von Würzburgs Altstadt eröffnet sich vor uns das Tor zu einer Parallelwelt. Direkt am Main gelegen befindet sich hier inmitten von Wiesen und Feldern ein Campingplatz mit dem klangvollen Namen „Kalte Quelle“, auf dem seit über einem halben Jahrhundert Gäste aus aller Welt zeitweise oder dauerhaft ihr Lager aufschlagen. Wobei „Lager“ in den meisten Fällen freilich einem Understatement gleichkommt – dazu aber später mehr.

Die ersten, die uns in dieser Welt begegnen, sind ein Haufen nicht zu überhörender Niederländer, die es sich vor ihren zwei vollintegrierten Reisemobilen mit Kaffee, Schnittchen und einem Kartenspiel gemütlich gemacht haben. Vollintegriert – das hat man uns kurz darauf erklärt – sagt in diesem Fall aber weniger über das vielzitierte Gemeinschaftsgefühl der Camping-Community aus als über das Wohnmobil selbst: Die Fahrkabine ist hier in das Fahrzeug eingebaut. Und so gilt nach einem kurzen „Goedemorgen“ daher auch wieder alle Aufmerksamkeit dem Skat-Spiel, das sich vermutlich noch ein paar weitere Runden erstrecken wird. Zeit ist hier nicht das Problem; hat man erst mal seinen Wagen geparkt, wird der Müßiggang schließlich obligatorisch – sonst hätte man ja auch gleich im Pulk nach Ischia reisen und dort emsiges Sightseeing betreiben können. Wer campt, will aber genau das in der Regel nicht: Ein fester Platz soll es sein; ein Ort, an dem noch alles in Ordnung ist, den man nicht erst erschließen oder erkunden muss. Ein „home away from home“ eben – wobei sich der klassischer Camper vermutlich nicht derart gestelzt ausdrücken würde.

Außen hui, innen …?

Doch was für ein Typ Mensch ist das eigentlich, der klassische Camper? Bislang läuft der Betrieb in Heidingsfeld noch recht ruhig, sodass uns allenfalls hier und da mal ein paar verhuschte Gestalten begegnen, die sich aber auch sogleich wieder in die sichere Kühle ihrer klimatisierten Wohnwagen flüchten – Morgenmenschen scheint es hier bei der Kalten Quelle schon mal nicht allzu viele zu geben. Während man vom Platz der Dauercamper gelegentlich wachsames Hundegebell vernehmen kann, machen sich die dazugehörigen Herrchen und Frauchen bislang leider rar. Auch gut – dann bleibt uns bis zur nachmittäglichen Rushhour noch ein wenig Zeit, das Gelände ungestört zu erkunden. Und so versuchen wir, uns im verwinkelten Gewirr aus Wohnwägen, Kompakt-Campern und VW-Bussen ein Bild von deren Besitzern zu machen. Was sofort auffällt: Neben den von uns prophezeiten Gartenzwergen (mindestens zehn), Plastiktischdecken auf Plastiktischchen (mindestens 25) und sorgsam angelegten Mini-Vorgärten (mindestens überall) finden sich hier erstaunlich viele Luxus-Liner, die sich wie amerikanische Vorstadt-Häuschen baugleich und dutzendfach in der mainnahen Pole-Position des Platzes aneinanderreihen. Im Kontrast wirken die erstaunlich wenigen Mini-Caravans beinahe ein wenig verloren auf der großzügigen Grünfläche, die sich vom Ufer weit bis zu den angrenzenden Feldern ausdehnt. Während die kleineren Wohnmobile – je nach äußerem Zustand – Assoziationen irgendwo zwischen der Kulisse einer True-Crime-Doku und der Erfüllung eines langgehegten 68er-Aussteigertraums wecken, kommt man nicht umhin, den Bewohnern der Deluxe-Wagen für ihre akribische Hingabe bei deren Pflege und Ausstattung einen gewissen Respekt zu zollen.

Urlaub am anderen Ufer

Die Gelegenheit dazu folgt jedenfalls gleich auf dem Fuße: Nachdem wir es schon fast aufgegeben hatten, steht er uns plötzlich mit Putzeimer und Schwämmchen gegenüber – unser erster echter Camper. Wolfgang heißt er, ist Mitte 60 und seit nunmehr 30 Jahren treuer Besucher der Kalten Quelle. Seit mehr als zehn Jahren steht sein geliebtes Wohnmobil dauerhaft in Heidingsfeld, von April bis Oktober ist der gebürtige Weimarer täglich selbst hier. Dass die Gattin das Hobby des Neurentners nicht immer teilt, stellt für ihn kein Problem dar: „Wenn meine Familie Sehnsucht nach mir hat, weiß sie ja, wo ich bin.“ Außerdem sei die eigene Wohnung am Heuchelhof Luftlinie nur ein paar hundert Meter entfernt – nah genug also, um mal schnell zur Stippvisite nach Hause zu fahren. „Wobei ich trotzdem fast nur hier bin“, verrät Wolfgang augenzwinkernd. Doch was hat der Campingplatz, das die feste Behausung nicht hat? Auch wenn das Wohnmobil mit Bootsanhänger, Dachfenster und Satellitenschüssel nicht nur auf den ersten Blick einladend wirkt, können wir schwer nachvollziehen, wie man ein halbes Jahr knappe zwölf Quadratmeter einer geräumigen Dreizimmerwohnung vorziehen mag.

Darauf angesprochen wird Wolfgangs Grinsen nur breiter: „Kommt mal rum, ich zeig euch was.“ Also tun wir wie geheißen und folgen dem sympathisch sächselnden Mann im weißen Achselshirt hinter seinen Wohnwagen. Und was sollen wir sagen: Der Anblick, der sich uns dort bietet, ist – wir müssen es zugeben – schlichtweg atemberaubend. Direkt am Main, wie es direkter nicht geht, hat sich Wolfgang ein kleines grünes Idyll geschaffen, in dem wir es uns am liebsten selbst gleich gemütlich machen möchten. Während wir schon versucht sind, uns unter das kühle Nass der eigens gebauten Außendusche zu flüchten, um anschließend mit ein paar Bierchen aus dem Minikühlschrank in der baldachingeschützten Sitzecke zu versacken, fällt uns gerade so noch ein, weshalb wir hier sind: Camper kennenlernen, Camper interviewen, Camper fotografieren – nicht selbst zu jenen zu mutieren. Soweit zumindest der Plan …

Zusammen ist man weniger allein

Nun gut, dann fragen wir Wolfgang mal, wie die anderen Camper, die hier wohnen, so drauf sind. Als wir unseren Rundgang über den Platz gemeinsam fortsetzen, erfahren wir, dass direkt nebenan ein Brüdergespann wohnt, das seit einigen Jahren für die Bundeswehr im Einsatz ist. Stimmt, die mehr oder minder dezente Deutschlandflagge im Vorgarten war uns vorhin schon aufgefallen … Ein weiterer Dauerpendler lebt wiederum im Caravan schräg gegenüber: „Der ist aber von Montag bis Donnerstag auf Montage im Erzgebirge.“ Dann sind bei der Kalten Quelle Camper mit Zweitwohnsitz in der Mehrzahl? Wolfgang schüttelt den Kopf: „Die meisten der Dauercamper leben fest hier.“ Da wäre beispielsweise die ältere Dame um die achtzig, die sich – Gentrifizierung sei Dank – ihre alte Wohnung nach der Sanierung nicht mehr leisten konnte; das Studentenpärchen, das zum Semesterbeginn keine Bleibe mehr finden konnte, oder aber der frisch geschiedene Lehrer, der sich nach dem Auszug aus dem gemeinsamen Haus erstmal neu orientieren muss.

Doch was sich im ersten Moment nach Notlösung anhört, wird nach kurzer Zeit oftmals schnell zum Plan A, wie Wolfgang erklärt: „Das Preis-Leistungs-Verhältnis und die Hilfsbereitschaft unter den Bewohnern sind einfach unschlagbar.“ Bestes Beispiel: Das Jahrhunderthochwasser 2013. Nachdem es vor allem die vorderen Reihen böse erwischt hatte, kamen binnen kürzester Zeit Dauer- wie Urlaubsgäste zusammen und evakuierten den Platz bis aufs letzte Wohnmobil; und auch die Gemeinschaftsräume wurden in tagelangem Teamwork wieder vollständig auf Vordermann gebracht. Wenn Wolfgang sich erinnert, wird er noch heute rührselig: „So einen Zusammenhalt sieht man wirklich nicht oft, das ist schon was Besonderes.“

Operation: Platz-Reife

Mittlerweile hat sich auch Stefan, der Besitzer der Kalten Quelle, zu uns gesellt und zeigt stolz das Herzstück seines Campingplatzes: die Gaststätte mit angrenzendem Kiosk. Von der Instandhaltung des Platzes über die Bewirtung bis hin zur Verwaltung – alles, was dort im täglichen Betrieb anfällt, ist strikte Chefsache. So auch die Entscheidung, wer bei der Kalten Quelle campen darf: „Tatsächlich habe ich auch schon einige potenzielle Gäste weggeschickt.“ Wer den Eindruck macht, ein Mietnomade, ein Schmierfink oder ein Unruhestifter zu sein, wird schlichtweg vom Platz eskortiert, erklärt uns Stefan: „Die können wir hier einfach nicht gebrauchen, so ein Verhalten würde nur unseren Frieden stören.“ Hier ist sie wieder, die herrliche Ordnung einer kleinen Parallelwelt, die auf Campingplätzen wie diesem auch in den unruhigsten Zeiten unberührbar scheint. Da schaut man dann auch über die doch recht derbe Inneneinrichtung hinweg, die dem Gastraum den leicht trashigen Touch eines Ulrich-Seidl-Films verleiht

Neue Nostalgie nach alten Werten

Und überhaupt: So ein bisschen Oldschool-Trash hat ja auch etwas Heimeliges an sich, oder? Sogleich fühlt man sich ähnlich gut aufgehoben wie während eines Besuchs bei den Großeltern, wo man sich durch liebevoll angesammelten Nippes wühlt, der seine besten Zeiten zwar längst hinter sich hat, einem jedoch zuverlässig jedes Mal aufs Neue das vertraute Gefühl von Zugehörigkeit vermittelt. Denn seien wir mal ehrlich: Egal, was auch passiert – die Schrankwand in Eiche Rustikal wird auch noch da sein, wenn der Rest der Welt in Flammen steht. Und so bekommen wir langsam eine Ahnung, was des Deutschen liebste Urlaubsform für ihre Anhänger ausmacht, denn: Beim Campen geht es nicht um Luxus oder Style. Stattdessen zelebriert man ganz unverhohlen die eigene Autonomie, während man sich zugleich jederzeit im unausgesprochenen Miteinander der Camping-Community sicher wähnen darf – jeder für sich und alle für jeden eben. Vielleicht war das ja doch nicht unser letzter Abstecher zur Kalten Quelle? Allen Hipstern mit Hang zur Selbstinszenierung sei die Location übrigens ebenfalls wärmstens ans Herz gelegt – authentischer lassen sich eure Adiletten, Bauchtaschen und Oberlippenschnauzer kaum woanders in Szene setzen …

Text: Anna-Lucia Mensing; Fotos: Nico Manger