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Alle Psycho, oder was?

In unserer schönen Stadt tummeln sich bekanntlich jede Menge Studenten. Doch längst ist bei den hippen jungen Erwachsenen nicht immer alles eitel Sonnenschein, weiß Saida Thenhart. Sie befasst sich beruflich mit den psychischen Problemlagen der Generation Y – und stand LIEBE NACHBARN im Interview Rede und Antwort.

 

Saida, bei Deiner Arbeit als Heilpraktikerin für Psychotherapie befasst Du Dich intensiv mit der Generation Y. Mal grundsätzlich: Wer fällt eigentlich genau in diese Gruppe?

Die Generation Y, Why oder auch Ypsiloner, Digital Natives und inzwischen auch die Boomerangs sind in Deutschland grundsätzlich alle jungen Erwachsenen, die von 1980 bis 1995 geboren wurden, allerdings verschwimmen die Grenzen natürlich nach oben und unten hin etwas.

Warum hast Du Dich entschlossen, mit Deiner Arbeit gerade diese Generation in den Fokus zu nehmen?

Die Statistiken zeigen, dass die 12-monatige Erkrankungsprävalenz, also die Häufigkeit der Er-krankungen, gerade bei dieser Altersgruppe in Deutschland am höchsten ist. Da ich selbst Jahrgang 1985 bin und weiß, wie das Leben für uns sein kann, war es nur logisch, auch dort mit meiner therapeutischen Unterstützung anzusetzen.

Und gibt es psychische Probleme, die ganz typisch für die Ypsiloner sind?

Unsere Probleme sind grundsätzlich immer so vielfältig wie das Leben selbst und „multifaktoriell bedingt“, also von mehreren Faktoren abhängig. Es existieren allerdings Themen, die in dieser Generation häufiger vorkommen – etwa Depressionen und Angststörungen, aber auch Substanzgebrauch wie Alkohol, Drogen oder Medikamente. Die Generation Y ist die erste Generation, die so viel Freiheit und zugleich so viele Wahlmöglichkeiten beziehungsweise Chancen hat. Hinzu kommen eine sehr gute Bildung und allerlei Komfort. Um aber unser Potenzial zu entfalten und dieses ins tägliche, von Leistungsdruck geprägte Leben einbringen zu können, ist es auch wichtig, wahrzunehmen, was wir wirklich wollen, vielleicht auch brauchen – und was hierfür nötig ist. Überhaupt wird die Entscheidungsfindung sowie die damit einhergehende Verantwortung in dieser Generation immer wieder zum Thema.

Wie haben sich die psychischen Krisen junger Menschen denn allgemein in den letzten 20 Jahren verändert?

Generell lässt sich sagen, dass die Zahl der Fälle – oder vielmehr der Diagnosen – bei den Krankenkassen zugenommen hat. Die effektive Prävalenz, also die Krankheitshäufigkeit in der Bevölkerung, lässt hingegen keinen Anstieg in den letzten 20 Jahren verzeichnen.

Wie wirken sich moderne Medien, ständige Erreichbarkeit und Trends wie Selbstoptimierung auf die Psyche junger Erwachsener aus?

Ich sage immer: Das ist Fluch und Segen zugleich. Die Generation Y ist bekanntermaßen sehr technikbegeistert. Einerseits bietet sich uns dadurch ein wahres Füllhorn aus Eindrücken und Möglichkeiten. Das ist großartig und eigentlich ein Geschenk. Auch ich nutze mit @lifeprooftherapie einen Instagram-Account, um Gedanken zu teilen und Impulse zu setzen. Die Fülle des Angebots in den Medien bringt aber auch mit sich, dass wir selbst filtern müssen, was unserem seelischen Befinden zuträglich ist und was eher destruktiv wirkt. Das strengt auf Dauer an – und der permanente Vergleich mit „Influencern“, aber durchaus auch Freunden und Bekannten sowie deren Leben, kann sogar ein Faktor mehr im Leben sein, der uns aus dem Lot bringt und das Erkennen unserer wunderschönen Einzigartigkeit sabotiert. Stichwort Selbstoptimierung: Hier gibt es inzwischen gegen alles das passende Wässerchen. Vom Loslassen über Coaching für und gegen dieses und jenes – gerne geben wir hierfür Unmengen an Geld aus und betreiben großen Aufwand. Aber das Naheliegendste, das simple Aushalten von Dingen (bei Bedarf mit therapeutischer Unterstützung), um mehr über sich selbst zu erfahren, wird als wichtiges Tool übersehen. Wenn uns das Leben vor Herausforderungen stellt, ist es aber genau das, weil man sich die Lösung eben meist nicht einfach „erkaufen“ kann, sondern hindurchgehen muss durch diesen Prozess.

Unsere moderne Zeit ist geprägt von Happy-Life-Urlaubspostings und Co. – gerade Vertreter der Generation Y nutzen soziale Medien, um eine Fassade aufzubauen, die vor Perfektion nur so strahlt. Doch oftmals sieht es dahinter ganz schön düster aus. Gibt es allgemeine Anzeichen, die darauf hindeuten, dass bei so jemandem doch nicht alles im grünen Bereich ist?

Ob man so etwas in den sozialen Medien erkennt, ist erstmal fraglich. Wo doch stetig an der Außenwahrnehmung gefeilt wird. Wenn allerdings ein Mensch in unserem Umfeld seelisch beziehungsweise psychisch im Leid ist, gibt es einige Indikatoren, die uns Anlass geben können, lieber einmal mehr nachzufragen. Gerade rund um verschiedene sogenannte „Life-Events“ herum. Das sind lebensverändernde Ereignisse, wozu nicht nur Belastendes wie Trennung oder Jobverlust, sondern auch ein Umzug in eine neue Stadt, Arbeitsplatzwechsel oder Ähnliches zählen. Zudem gibt es insbesondere hinsichtlich Suizidalität gewisse Vorboten wie beispielsweise sozialer Rückzug, gedankliche Einengung, Isolierung vom Freundeskreis, Resignation, Persönlichkeitsveränderungen, Aggressivität oder Hoffnungslosigkeit. Auch eine plötzliche Gelöstheit, die nicht „passt“ zu dem Verhalten in der Zeit davor kann ein Hinweis sein. Circa 75 Prozent aller Suizide werden zudem vorher angekündigt – daher sind Hilferufe oder Andeutungen immer ernst zu nehmen. Bei bekanntem Substanzgebrauch oder einer psychischen Vorerkrankung ist es ebenfalls ratsam, nachzuhaken.

Neben der Generation Y gibt es ja auch die Generation Z – also ungefähr die Geburtenjahrgänge ab 1997. Wie unterscheidet sich deren psychisches Profil von dem der Ypsiloner? Die Generation Z, auch Digital Natives 2.0, ist mit sämtlichen modernen Technologien aufgewachsen und nutzt diese noch um einiges mehr als die Ypsiloner.

Sie verwenden sie beruflich, vor allem aber auch privat. Das könnte in Bezug auf Online-Hilfsangebote in der psychotherapeutischen Arbeit von Bedeutung sein. Dadurch, dass sie damit aufgewachsen sind, kennen sie auch die Gefahren besser, die damit verbunden sind. Zudem legt die Generation Z mehr Wert auf eine klare Work-Life- Separation – anders als die Ypsiloner, die den Begriff Work Life-Balance beziehungsweise Blending geprägt haben. Die Digital Natives 2.0 sind oft gut behütet aufgewachsen und wieder mehr sicherheits- und strukturorientiert. Sie weisen eine sozialere Orientierung auf und wollen sich vor allem wohlfühlen, haben aber nicht den ausgeprägten Drang, sich primär über den Beruf zu definieren. Ich denke, um die psychischen Themen dieser Generation aufgrund valider Fakten benennen zu können und nicht zu spekulieren, ist es möglicherweise noch etwas früh.

Man hört und liest immer wieder, dass Würzburg als Stadt mit vielen Singles in der Suizidstatistik ganz oben steht. Stimmt das denn?

Es fällt mir schwer, hierbei den Konsens im Bezug auf Suizid und Singledasein zu finden. Einsamkeit kann ein wichtiger Faktor sein, aber Partnerlosigkeit per se nicht unbedingt. Zumal man natürlich auch trotz beidem ein intrinsisches Gefühl der Einsamkeit erleben kann. Frei nach dem Motto: Zu zweit und dennoch allein. Alleinsein und Einsamkeit sind zwei ganz unterschiedliche Dinge.

Mal generell gesprochen – in den letzten Jahren haben sich viele Schauspieler, Sportler und andere Persönlichkeiten zu ihren psychischen Problemen bekannt. Spürst Du auch, dass man heute offener mit solchen Themen umgeht? Oder schämen sich viele immer noch dafür?

Einerseits ja. Es gibt inzwischen einige, die ganz offen damit umgehen. Dennoch halten sich diverse Vorurteile hartnäckig und es existiert eine gewisse Doppelmoral bei der es zwar „okay“ ist und man es „nicht verurteilt“, wenn ein Bekannter oder Freund zur Therapie geht, aber man selbst geht natürlich nicht „da hin“. Dabei sind in Deutschland laut aktuellster Studien jedes Jahr etwa 27,8 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen. Und pro Jahr erfüllt mehr als jeder vierte Erwachsene die Kriterien einer psychischen Erkrankung. Können wir uns bei diesen Zahlen überhaupt erlauben, zu urteilen oder zu tabuisieren? Ich meine, Psychotherapie bedeutet letztendlich erstmal nichts anderes als Entwicklung. Und dafür sollte sich kein Mensch, egal wo auf der Welt, schämen müssen. Ich finde es „faszinierend“, dass es so hochgemünzt wird oder werden muss, wenn sich jemand zu seinen psychischen Problemen bekennt; wir machen ja auch keine Schlagzeile daraus, wenn jemand körperliche Therapie benötigt – und das ist doch im Grunde nichts anderes, oder?

Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern? Wem fällt der Schritt leichter, sich psychotherapeutische Hilfe zu suchen?

Ja den gibt es. Allein schon bedingt durch die Geschlechterrollen in der Gesellschaft und deren Umgang mit psychischen Erkrankungen. Oft wird zu Unrecht angenommen, psychische Störungen seien eher ein Frauenthema und dem „schwachen“ Geschlecht zugehörig etc. Dem ist nicht so. Zwar sind Frauen fast doppelt so häufig wie Männer von Angststörungen und affektiven Störungen, zum Beispiel Depressionen, betroffen. Männer aber verlagern Belastungen einfach eher auf Substanzmissbrauch und -abhängigkeit.

Wir müssen Dir diese Frage einfach stellen: Bitte vervollständige doch diesen Satz: Mein Rat für ein glückliches, zufriedenes Leben ist …?

Nicht im Außen danach Ausschau zu halten. Ich glaube, wenn es den ultimativen Rat gäbe, würde es möglicherweise mehr Menschen geben, die ein glückliches und zufriedenes Leben führen würden. Es existieren zwar gewisse festgelegte Parameter, die für Glück und Zufriedenheit maßgeblich sind – aber es ist doch beispielsweise für den einen eher erstrebenswert, an der Börse große Erfolge zu erzielen, während ein anderer Mensch ein häusliches Leben im Kreis der Familie bevorzugt. Ich glaube, ein liebevoller und sanftmütiger Umgang mit uns selbst und unserem Umfeld ist eine solide Basis, die viel bewirken kann in unserem Leben. Ebenso eine bewusste dankbare Haltung, ein Gewahrsein für den Moment. Wem das gelingt, der hat zumindest schon einmal mehr als viele andere Menschen.

Wir haben auf Deinem Instagram-Account entdeckt, dass Du auch verschiedene Events durchführst. Wie kam es dazu?

Naja, es gibt im gesamten Gesundheitssystem alle Hände voll zu tun – und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, auch außerhalb der Praxis einiges zu bewegen. Zum Beispiel in Form von Vorträgen zu verschiedenen Themen. Letztes Jahr rief ich auch ein Treffen für Frauen ins Leben, das inzwischen alle zwei Monate stattfindet, um Frauen aus der Region eine Plattform zum persönlichen Dialog rund um das Thema Weiblichkeit zu bieten.

Was unterscheidet eigentlich einen Life Coach vom Heilpraktiker für Psychotherapie?

Coaching richtet sich an gesunde Personen, ist kein geschützter Begriff – und es erfordert keine Prüfung, um als Coach zu arbeiten. Lösungsstrategien oder die Stärkung von Fähigkeiten oder Motivation stehen dabei oft im Vordergrund. Ein HP PSY befasst sich mit der Behandlung und Begleitung psychisch erkrankter Menschen. Er ist dementsprechend auch in der Lage beziehungsweise dazu verpflichtet, selbstständig Diagnosen auf dem Gebiet psychischer Erkrankungen zu stellen. Dafür muss er über eine Heilerlaubnis verfügen und unterliegt somit diversen Pflichten und Richtlinien. Ziel ist bei ihm die Wiederherstellung der psychischen Gesundheit der Klienten, allerdings ohne das Verschreiben von Medikamenten – das ist tabu! Als Orientierungswert: Umso größer die persönliche Beeinträchtigung beziehungsweise die Einschränkung im Alltag durch das Problem, desto eher ist eine Psychotherapie und kein Coaching indiziert.

Saida Thenhart arbeitet als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Würzburg. Zudem ist sie bereits seit einigen Jahren als Ernährungstherapeutin und ganzheitlicher Gesundheitscoach tätig. Sie unterstützt Menschen, die unter psychischer Überlastung, Depressionen, Essstörungen oder Ängsten leiden. Zudem berät sie Paare in Konfliktsituationen und Menschen, die sich einen grundsätzlich gesünderen Lebensstil wünschen.

www.lifeproof-therapie.de