Alle Artikel in: NACHBARN

Vierundfünfzig mal Nullkommaeins

„Thomas hat Dich zur Gruppe ‚Lass mal wieder was machen‘ hinzugefügt“. Oh, wie schön. Also nur noch siebeneinhalb Monate und 25³ Nachrichten, bis THOMAS, Lisa 1, Lisa 2, Christian, Verena, Claus-Stephan, Nico, Yen und Daniel auf einen gemeinsamen Nenner kommen, was eine für alle erträgliche Abendunterhaltung sein könnte. Verena möchte uns endlich den wahnsinnig fesselnden Film dieses finnischen Skandalregisseurs zeigen … bei dem wir uns dann aber nicht unterhalten dürfen, weil wir sonst die implizite Botschaft verpassen (schreibt Lisa1). Film ist also raus. Dann vielleicht doch Brettspiele, schlagen Nico und Lisa2 vor … sie könnten uns das 75-seitige Regelwerk des preisgekrönten Strategiespiels auch gleich per WhatsApp durchschicken. In solchen Momenten merkt man wieder, was wir an der Demokratie doch haben. 2:7! „Dann lasst uns doch was kochen.“ Gute Idee. Nicht. Schließlich ist das lakto- und fructosefreie, nachhaltig-saisonale, vegan-biofleischhaltige (außer Schwein), paläo-glutenreduzierte Gericht immer noch nicht erfunden. Claus-Stephan, der sich bis hierhin rausgehalten hat, kommentiert lakonisch, er halte das nicht mehr aus und werde sich nun betrinken. Gute Idee, Claus-Stephan – dann aber bitte mit uns …

Ich packe meinen Rucksack für 25 Jahre

Über das Gespräch mit einem obdachlosen Menschen – und unseren Zeitgeist   In der Hektik der heutigen Zeit zieht vieles an uns vorbei. Wir haben verlernt, Werte zu schätzen. Wir werden oberflächlicher, sehen vieles als selbstverständlich. Wir wollen immer mehr. Erfolgreich sein. Das Bestmögliche erreichen. Denn das, was wir besitzen, und das, was wir sind, reicht noch nicht aus. Wir machen uns Sorgen, das Beste nie erreichen zu können. Etwas zu verpassen. Dem Standard der Masse nicht standhalten zu können. Für jeden von uns ist es selbstverständlich, nach der Schule oder der Arbeit nach Hause zu fahren, sich auf zu Hause zu freuen. Es ist selbstverständlich, noch einen kurzen Abstecher in den Supermarkt zu machen, wenn der Kühlschrank leer ist. Es ist selbstverständlich, sich nach einer warmen Dusche in sein eigenes Bett legen zu können. Manchen Menschen sind jedoch all diese Selbstverständlichkeiten abhanden- gekommen. Menschen, die von uns oft ignoriert und herabgestuft werden, weil sie nicht mehr mit den gleichen Standards leben können, wie wir. Ich selbst bin an diesen obdachlosen Menschen mit schnellen Schritten …

Wenig Schein, viel Sein

Über menschliche Größe in einer kleinen Kantine Art. 147 GG hält unmissverständlich fest: „Der deutsche Morgen ist von jeglicher Fröhlichkeit freizuhalten.“ Oh würde nur jeder Artikel des Grundgesetzes so eisern befolgt! Sogar jene wenigen verirrten Subjekte, die ab und an versehentlich mit dem rechten Fuß aufstehen, können auf die Hilfe ihrer regeltreuen Mitbürger zählen; schließlich gewährleisten diese mit deutscher Zuverlässigkeit, dass sich auf dem Arbeitsweg selbst der kleinste Anflug guter Laune schleunigst wieder in Luft auflöst. Die Bandbreite reicht dabei von der Strategie „Weihwasserkessel 4.0“ (in Bus oder Bahn mit vorgeschobenem Unterkiefer möglichst dämlich auf ein Smartphone glotzen) bis hin zum ho(h)lis-tischen Ansatz (freundliche Blicke mit dermaßen hohlen Gesichtsausdrücken quittieren, dass selbst ein scheinbar hübsches Antlitz binnen Sekunden die Faszination eines silbernen Golf VI Trendline ausstrahlt. Auf Stahlfelgen!). Sie müssten es nicht … So weit, so schlecht. Jedenfalls lag ein ebensolcher Morgen gerade wieder hinter mir, als ich mittags erstmalig die Kantine des Finanzamts Würzburg in der Ludwigstraße betrat. Übellaunig bzw. überdrüssig des ewig gleichen Pizzalasagneveggiehummusstampfdönerasianudelreiseinerleis und frei nach dem Motto: ‚Jetz is‘ a scho …

Heute hier, morgen fort

Einfach mal ein halbes Jahr mit der Wanderuni durchs Land ziehen Ich muss mal raus … einfach mal an die frische Luft, dem Trott entflieh’n … ’nen klaren Kopf bekommen und niemanden sehn’: Alles Sätze, die Manoel Eisenbacher so definitiv nie gesagt hat. Als der heute 28-Jährige 2016 das erste Mal von der Wanderuni hörte, verspürte er vielmehr latente Beklemmung als den nach Freiheit dürstenden Impuls der Stadtflucht. Im Gegenteil: Die Idee, ein knappes halbes Jahr in deutschen Landen unterwegs zu sein, ohne einen festen Tagesablauf geschweige denn einen festen Schlafplatz, hätte dem gelernten Winzer und Fotografen nicht mehr Unwohlsein bereiten können, wie er uns erzählt. „Tatsächlich bin ich eher ein strukturierter Typ und brauche immer eine gewisse Vorhersehbarkeit, um mich safe zu fühlen.“ Rückblickend lässt sich daher nicht mehr sagen, welcher Teufel Manoel geritten haben muss, zwei Jahre später seine Komfortzone im beschaulichen Würzburg zu verlassen … Neugierde könnte es gewesen sein, die ihn zum ersten Infotreffen der Wanderuni im November 2017 trieb, oder – und das ist wahrscheinlicher – die ansteckende Begeisterung einer …

Original Handschriften

„Wenn ich nachts nicht schlafen kann, wühl ich mich durch meine Dokumente.“ Klaus Meixner handelt mit Autographen – und besitzt eine beeindruckende Sammlung von mehreren tausend Schriftstücken. Wir haben ihn in seinem Archiv besucht und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Lest selbst. „Ob ich Interesse hab? Meinst du das ernst?“ Meine spontane Reaktion auf das Angebot, ein Interview mit einem Würzburger Handschriftensammler zu führen, lässt Nico grinsen. „Hab ich mir fast gedacht“, antwortet er. Eine Woche später machen wir uns also mit Kamera, Block und Kuli bewaffnet auf den Weg in die Friesstraße – dort befindet sich das Fachantiquariat des Autographen Klaus Meixner. Zugegebenermaßen hab ich mich nicht gerade wahnsinnig intensiv auf das Interview vorbereitet. Ein wenig recherchiert und zur Sicherheit nochmal die Definition des Worts Autograph gegoogelt. Interviewfragen hab ich mir für den Fall der Fälle zwar notiert, war mir aber sicher, dass all meine Fragen sowieso ganz von selbst aus mir heraussprudeln würden, weil ich das Thema so spannend finde. Dementsprechend habe ich auf dem Weg zum Interview nur eine vage …

Im August

Im August ruht die Stadt. Sie ruht sich aus vom Lärm, vom Stress und von der Hektik. Vom  Menschen. Solange ich denken kann, ist das so im August. Als Jugendlicher war da nur dieses vage Gefühl, dass in diesem Monat irgendetwas anders ist. Undefiniert. Nach Jahren bilden sich Konturen, formen sich Muster und am Ende herrscht Gewissheit: Der August ist ein Exot. Das könnte das vorläufige Ende dieses Textes sein. In einer Zeit, in der stumpfe Parolen und Protestschildsätze mehr Publikum erreichen als Erläuterungen, kann ich jetzt auch aufhören. Speichern, Laptop zu. Der August ist ein Exot. Der August ist ein Idiot. Der August ist ein Chaot. Und Steine hat er auch geschmissen! Na gut, statt wütender Flüsterpost – der ganze Text: In Deutschland, in Bayern, in Würzburg macht man im August: Urlaub, Punkt. Entweder sind es die Sommerferien der Kinder oder der Kitas, die Semester- oder Betriebsferien, weil man es halt so macht oder schon immer so gemacht hat oder weil halt eh nur Wiederholungstatorte laufen. Ganz egal, aber Urlaub muss! Und so leert …

Kalte Liebe rostet nicht.

3-STERNE-ALL-INCLUSIVE AUF MALLE WAR GESTERN: Wer heutzutage gediegen urlauben möchte, der campt wieder. Ein besonders entdeckenswertes Kleinod für Erholungssuchende mit mobilem Zuhause liegt direkt vor unserer Haustür. Vollbepackt mit Vorurteilen von Plastiktischdecken, Gartenzwergen und Co. haben wir ihm einen Besuch abgestattet – und wurden in vielerlei Hinsicht überrascht … Elf Uhr mittags an einem Sommertag in Heidingsfeld. Etwa zehn Kilometer südlich von Würzburgs Altstadt eröffnet sich vor uns das Tor zu einer Parallelwelt. Direkt am Main gelegen befindet sich hier inmitten von Wiesen und Feldern ein Campingplatz mit dem klangvollen Namen „Kalte Quelle“, auf dem seit über einem halben Jahrhundert Gäste aus aller Welt zeitweise oder dauerhaft ihr Lager aufschlagen. Wobei „Lager“ in den meisten Fällen freilich einem Understatement gleichkommt – dazu aber später mehr. Die ersten, die uns in dieser Welt begegnen, sind ein Haufen nicht zu überhörender Niederländer, die es sich vor ihren zwei vollintegrierten Reisemobilen mit Kaffee, Schnittchen und einem Kartenspiel gemütlich gemacht haben. Vollintegriert – das hat man uns kurz darauf erklärt – sagt in diesem Fall aber weniger über das …

Es ist ein Heimatlied

Heimat ist ein ziemlich schönes Wort – und leider zugleich ein ziemlich furchtbares.  Populistisch aufgeladen UND vielfach miss-braucht, fällt es schwer, diesen Begriff heute vollkommen wertfrei zu verwenden. Heimat besitzt (nicht erst in unserer Zeit) eine zutiefst politische Bedeutung. Auf der Suche nach einer Definition ist aber vielleicht gerade die zweite Dimension von Heimat entscheidend: nämlich die persönliche. Heimat, das ist für mich der Ort, an dem ich geboren und aufgewachsen bin. Gute 40 Kilometer entfernt von Würzburg, im nördlichen Baden-Württemberg. Eine Kleinstadt, 3.500 Einwohner, zwei Tankstellen, ein Discounter, Metzger, Grundschule, Dorfdoktor, die obligatorische, natürlich erfolglose Bürgerinitiative, die seit gefühlten 150 Jahren für eine Umgehungsstraße kämpft – alles in allem also nichts Besonders. Aber eben – im Gegensatz zu Würzburg, wo ich seit über zehn Jahren lebe – meine Heimat. Wenn ich an meinen Heimatort denke, dann denke ich zuerst an die Fleischküchle meiner Mutter. Natürlich die besten der Welt. Ich denke an einen Samstagmorgen, an dem aus unserer Küche der Geruch von angebratenem Fleisch in mein Zimmer steigt, und an die Geräusche, die einen …

Lieder-Nachbarn-Abend

Ein geheimes Wohnzimmerkonzert in deiner WG? Es ist immer sehr schwierig, Musik in Worte zu fassen … und dann noch die eigene … ein Versuch: wie klingt denn euer neues Album? Ja, es ist auf jeden Fall schwierig, dem Ganzen mit ein paar Worten einen Stempel aufzudrücken. Was auf jeden Fall auffällt ist, dass wir die Trennlinie zwischen klassischer Band und elektronischer Musik immer weiter verschwimmen lassen. Wir versuchen da bewusst auch eine Gratwanderung und vermischen Synthesizer mit vielen akustischen Instrumenten. Wir machen mittlerweile auch solange zu dritt Musik, dass wir wissen: Wenn wir einen Song zusammen schreiben, dann wird er immer diese leicht melancholische Stimmung haben, ohne dabei tieftraurig zu werden.

Wine – Working – Women

WEINGUT FRANZISKA SCHÖMIG. Ein eigenes Weingut?  … so jung … mit knappen 30 Alleine? Nein, nicht ganz alleine: Familie, Freunde und Freunde von Freunden packen gern mal an, wenn es zum Beispiel heißt: Morgen müssen die Trauben runter.