Autor: Pauline Füg

Du hast den besten Balkon der Stadt

ES IST TIEF IM WINTER … JETZT MACH DIE AUGEN ZU UND TRÄUM DICH ZURÜCK: IN DEN WARMEN WÜRZBURGER SOMMER. Du hast den besten Balkon der Stadt, wir sitzen im vierten Stock und beobachten das Herzkreislaufsystem der Umgebung. Es ist stabiler als unseres, die Straßenbahnen takten sich, die Lichter, die Uhren, die Alarmanlagen und die Bremsen der Automobile, die immer gerade noch rechtzeitig ausweichen. Wir bewegen uns fast eine Woche nicht, eine Membran aus Temperatur hat sich um die Gliedmaßen gelegt, dein linkes Auge immer halbgeschlossen, denn Zweidimensionalität reicht uns momentan, mehr wollen wir gar nicht; in diesem Kontext ist das mehr als wir anderswo jemals bemerkt haben. Zur blauen Stunde ziehen wir uns eine Adaption von Gesellschaftsfähigkeit über, fahren mit dem Lift – in dem wir uns kurz küssen – runter, und nehmen die wichtigen Punkte der Stadt ein. Wir schlucken die Stadtviertel wie Pillen, wir inhalieren den schwülen Dunst der Dämmerung und baden in den Brunnen vor strategisch wichtigen Gebäuden der Tourismusbranche. Und es geht ja nicht nur um Tourismus, es geht ja um …

alles, was seltsam ist, ist gut. vor allem bei nachbarn.

ich schau mir nachts manchmal heimlich wohnungsanzeigen in fremden städten an und überlege mir, wie es wäre und welchen blick man von den fenstern hat und welche nachbarn man hassen würde und wen man nie mehr zurücklassen will. unter meinem zimmer ist eine sargwerkstatt. ich höre es tackern, morgens um sechs, ich weiß, da ist wieder einer gestorben oder wird es bald tun. manchmal stehe ich dann auf, brühe mir einen tee und blicke in den frühen würzburger morgen. Die jahreszeiten verändern das licht. im winter kann ich die festung durch die äste ahnen. im sommer ist alles dunkelgelb und das licht hängt auf schulterhöhe in der küche. im keller tackern sie seide an holz, leinen an eiche. im frühling begrüßen wir uns im innenhof, der bestatter und ich. ich bringe müll raus, er raucht und erzählt davon, dass er die farbe meiner katze mag. weil sie wie ein pfarrer aussieht mit dem schwarzen fell und dem weißen fleck auf der brust. er erzählt von der seltsamkeit seines berufs. ich würde mich gerne von ihm …