Alle Artikel in: SEHEN-HÖREN-FÜHLEN

Musik trifft auf Glaube

1.000 Chorproben, 160 Gottesdienste, 40 Konzerte „Wir machen Musik bis jeder beschwingt singt“, ertönt es aus dem Probenraum. Die Mädchen des Vorchors singen ein neues Begrüßungslied. Die jungen Stimmen klingen noch ein wenig wirr, ab und zu wird das ein oder andere Wort vergessen, genuschelt, ausgelassen. Aber das macht nichts, denn genau deswegen üben die Kleinen fleißig zusammen mit der Chorleiterin Frau Horn. Schließlich wollen sie professionelle Sängerinnen werden. Dass das jede Menge Übung, die richtige Körperhaltung und einen entspannten Kiefer erfordert, lernen sie bereits im Grundschulalter auf spielerische Art und Weise. Der Vorchor der Mädchen und Jungs ist die Grundlage für die Mädchenkantorei und die Domsingknaben. Die Kinder bilden die Basis, sie sind die Zukunft der Dommusik. Weniger verspielt, dafür ein ganzes Stück konzentrierter geht es in der Probe des Konzertchors zu. Hier probt Domkapellmeister Christian Schmid zusammen mit den Domsingknaben für bevorstehende Konzerte und Auslandsreisen. Noten und Liedtexte lesen die Chorsänger aus ihren Musikmappen. Beim Singen müssen sie auf sprachliche und individuelle Aspekte sowie auf die Artikulation achten. Die Stimmen klingen stark, laut und …

Es gibt viele Menschen, die verzweifelt, einsam oder traurig sind – ein Telefongespräch mit jemandem, der zuhört, kann da oft ein kleines Wunder bewirken. Dafür ist die TelefonSeelsorge da. Sie ist das ganze Jahr über – auch an Weihnachten und Neujahr – eine große Stütze für viele Menschen. Wir haben mit Ruth Belzner, seit 20 Jahren Leiterin der TelefonSeelsorge in Würzburg, gesprochen. In Liebe Nachbarn erzählt sie von den Herausforderungen, die die Arbeit als „Telefonseelsorger“ mit sich bringt. Wie viele Anrufe bekommt die TelefonSeelsorge im Schnitt pro Tag? Ruth Belzner: Im Schnitt klingelt das Telefon 53 Mal täglich – davon kommt es in 38 Fällen zu einem Seelsorgegespräch mit durchschnittlich etwa 22 Minuten Dauer. Die anderen Anrufe sind Aufleger oder Anliegen, für die wir uns nicht zuständig sehen. Bekommen Sie zu den Weihnachtsfeiertagen vermehrt Anrufe? Wenn ja, woran könnte das liegen? Nein, die Zahl der Anrufe steigt in diesen Tagen nicht. Das liegt zum einen vermutlich daran, dass unsere Auslastung ein Mehr ohnehin kaum zulässt. Zum anderen sind Menschen, die an diesen Tagen wegen Einsamkeit …

Trainingslager fürs Leben – Zusammenleben in der WG

Ein Gespräch mit DEM DIPLOM-PSYCHOLOGEN Lorenz Wohanka. Als ExperteN für das Verhalten und Erleben von Menschen treibt ihn die stete Neugierde auf seine LIEBEN NACHBARN, Ihre Gedanken und Handlungen an. In dieser Ausgabe steht das Zusammenleben im Blickpunkt: Insbesondere in jungen Jahren, während Ausbildung und Studium, entdecken viele eine für sie gänzlich neue Lebensform: die WG. Auch unter älteren Semestern gibt es manchmal Wunsch-WGs, manchmal Zwangs-WGs, weil die eigene Lage und der Wohnungsmarkt nichts anderes zulassen. Jeder stellt unterschiedliche Ansprüche an eine WG: zusammen Dinge machen, zusammen leben, wohnen, sich arrangieren – kurz: Welten prallen aufeinander. Wie das Zusammenleben gelingen kann und welches Verhalten zu einer erfolgreichen WG führt – Fragen, deren Antworten wir suchen. Für viele ist sie das STADIUM zwischen Elternhaus und eigener Wohnung – und es gibt scheinbar viel Konfliktstoff in WGs. Was macht diese Wohnform eigentlich so besonders? Das neue Umfeld – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zum Ersten lösen sich Menschen aus einer alten, oft über die Jahre gewohnten Umgebung sowie einer sozialen Bezugsgruppe und kommen in eine vollkommen neue …

BACHELOR OF HEARTS

Früher war das Laby unsere Heimat. Heute streichen sich hier gerade volljährig gewordene Hipster mit ihren Kulturwixxerbrillen gegenseitig die Dreitagebärte und werfen sich über den Kicker lauthals Beleidigungen zu, die keiner mehr genau versteht. #Lifestyle Eigentlich fühle ich mich nicht alt, doch so umzingelt von zwanzigjährigen Freigeistern, die noch zwei Semester brauchen, bis sie ihren BWL-Bachelor endlich in der Tasche haben, trägt die schummrige Beleuchtung des Clubs schwer zu einer melancholischen Stimmung bei. Über mein genaues Alter rede ich ungern, doch sagen wir so: Wenn eine Frau meine Wohnung über dem ehemaligen Corso Kino nicht findet, ist sie eindeutig zu jung für mich. Und trotzdem habe ich noch kein abgeschlossenes Studium oder bin gar einer dieser motivierten Mittzwanziger-Dozenten. Dafür habe ich mittlerweile gelernt, wie peinlich es ist, sich in einer Studentenkneipe über die Zitrone in seinem Gin Tonic zu beschweren und weiß mittlerweile, wo die für mich wichtigen Unibibs in der Stadt verteilt sind. Letztes Semester hat mich so ein kleines Mädchen wirklich total schulbuchmäßig gefragt: „Könnten Sie mir bitte den Weg zur Teilbibliothek Kultur-, Geschichts- und …

POLARISIEREND

Der junge Mann hier ist 32 Jahre alt, hat Soziale Arbeit studiert, seine Abschlussarbeit über Sprayen und Jugendarbeit geschrieben und nennt sich selbst nur POLAR. Wir treffen ihn an der großen Brücke der Zeppelinstraße, der Hall of Fame, wie er sie liebevoll nennt. Vor uns steht ein Kerl, der so gar nichts mit Jugendlichen zu tun hat, die sich in Hinterhöfen durch schnelle Schmierereien einen Adrenalinkick verschaffen. Vielmehr erkennen wir schon die Ernsthaftigkeit seiner Berufung, als er die Maske aufsetzt und fürs Foto die Farbdose schwenkt. „Sprüher sind verrückte Charaktere“, sagt er mit einem Lächeln im Gesicht, als er die Maske wieder abnimmt. Graffiti – das ist für ihn kein x-beliebiges Hobby, sondern vielmehr Lifestyle. POLAR ist Sprayer durch und durch, von Kopf bis Fuß – ebenso wie sein kompletter Freundeskreis. Im zarten Alter von 18 hielt er zum ersten Mal eine Dose in der Hand, damals war er noch stark in der Hip-Hop- und Skaterszene verwurzelt. Heute arbeitet der 32-Jährige in Würzburg als Sozialarbeiter und bezeichnet sich selbst als Schönwettermaler, der lieber bei Plustemperaturen …

WEIHNACHTEN – FRIEDVOLLES DYNAMIT

ALLE JAHRE WIEDER … BIRGT GERADE WEIHNACHTEN JEDE MENGE SOZIALEN SPRENGSTOFF. WIE MAN IHN ZUVERLÄSSIG ENTSCHÄRFT, ERKLÄRT UNS LORENZ WOHANKA IM INTERVIEW. ALS EXPERTE FÜR DAS VERHALTEN UND ERLEBEN VON MENSCHEN TREIBT DEN DIPLOM-PSYCHOLOGEN DIE STETE NEUGIERDE AUF SEINE LIEBEN NACHBARN, IHRE GEDANKEN UND HANDLUNGEN AN.   Weihnachten steht vor der Tür. Das Fest der Liebe ist nicht nur Anlass zur religiösen oder familiären Freude und zu unbeschwerten Feiern, sondern bietet auch reichlich Konfliktstoff und Raum für Einsamkeit, Trauer und sogar Gewalt. Woran liegt das EIGENTLICH? Kaum ein Fest ist so mit Erwartungen überhäuft wie Weihnachten. Während des ganzen Jahres können sich Menschen guten Gewissens aus dem Weg gehen und sind so nicht gezwungen, konträre Lebensweisen, Ansichten und Gefühle auszuhalten. An Weihnachten kommen nun plötzlich Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen zusammen, die zudem oft nicht mehr gewohnt sind, in sehr engem Kontakt zu stehen. Die ultimative Forderung des Festes ist Frieden unter Menschen und ein gedeihliches, liebevolles Miteinander. Viele halten diese Forderung nicht aus, weil sie den Rest des Jahres doch eher wenig gemeinsame Liebe …

MIT ZWEI WOLLDECKEN IM KELLER

IN DIE KURZZEITÜBERNACHTUNG KOMMEN AUCH MÄNNER NACH AKUTEM WOHNUNGSVERLUST. Erwin Dietrich kann heute Abend endlich wieder in einem
 Bett schlafen. In einem richtigen Bett. Mit Matratze. Bettdecke. Kopfkissen. In den vergangenen Nächten hatte er mit zwei Wolldecken vorlieb nehmen müssen. „Ich schlief in einem Keller“, sagt der 67-Jährige, der völlig mitgenommen aussieht. Seine Wangen sind eingefallen. Die Haut ist aschfahl. Er ist klapperdürr. Hat lange nichts Warmes mehr gegessen. Die Polizei hatte ihn in dem Keller aufgestöbert. Und zur Christophorus-Gesellschaft gebracht. Mit Geduld lässt Erwin Dietrich in der Kurzzeitübernachtung (KZÜ) alles über sich ergehen. Er beantwortet Fragen. Lässt sich einweisen. Man zeigt ihm sein Bett. Er erhält ein Handtuch. Darf sich duschen. In ihm selbst ist noch ein großes Durcheinander. Alles kommt ihm noch immer wie ein Albtraum vor. Die vielen Nächte im kalten Keller. Mit nur ganz wenig Nahrung. Nie war Erwin Dietrich vorher mit wohnungslosen Menschen in Kontakt gekommen. Den Namen „Christophorus-Gesellschaft“ hatte er zwar irgendwann schon mal gelesen. Aber nicht abgespeichert. Bisher war sein Dasein halbwegs in Ordnung gewesen. Er lebte vier …

GUATE SACHE

Nachhaltig und fair produzierte Modeaccessoires aus Guatemala. Organische Materialien, faire Produktionsbedingungen – es ist möglich, mit Mode-Accessoires die Welt zu verändern. Davon sind die 25 Frauen aus San Juan Laguna in Guatemala, die sich mit Tatjana aus Würzburg zu einer Gruppe zusammengeschlossen haben, fest überzeugt. Die Frauen aus San Juan La Laguna erlernten bereits im Kindesalter das Färben mit Pflanzen und Naturprodukten sowie die Kunst des Webens von ihren Müttern. Nun haben sie in gemeinsamer Arbeit tolle neue Designs entwickelt, mit denen sie ein weltweites Publikum für ihre organischen und bunten Stoffe begeistern wollen. Doch das allein ist nicht genug, um ein deutliches Zeichen in puncto Nachhaltigkeit zu setzen. Daher wurde zusätzlich ein neues Geschäftsmodell entwickelt, das den Frauen unter anderem er-möglicht, von zu Hause aus zu arbeiten – ein sehr wichtiger Gesichtspunkt, zumal sie in vielen Fällen allein für den Haushalt, die Kinder und das Einkommen verantwortlich sind. Die frisch gegründete Firma zahlt zunächst 25 Frauen ein faires Gehalt und unterstützt damit deren Familien. Darüber hinaus wird eine Stiftung gegründet, die für das Schulgeld …

ZUVIEL & ZUWENIG

Viel „Zuviel“ und doch viel „Zuwenig“ – die Generation der Fremde in der Nähe. Ich sitze an meinem Schreibtisch und möchte mich gerade konzentrieren, Max Webers Abhandlung über „soziale Gebilde“ zu folgen, als mein Nachbar just die Art von Musik aufdreht, welche meiner Konzentration nicht gerade förderlich ist. In diesem Moment frage ich mich schon, ob die Privatsphäre des Anderen denn auch Teil meiner Privatsphäre sein muss. Ich kann nicht immer selbst das Maß an Kommunikation bestimmen, welches mich umgibt. Das schränkt mich ein und nimmt mir einen Teil meiner Freiheit. Ähnlich verhält es sich mit den Beziehungen, in denen ich lebe, oder den Freundschaften, die ich ständig gegen andere Freundschaften austausche. Die digitalen Medien helfen uns, Beziehungen einzugehen und längst eingeschlafene Freundschaften wachzuküssen. Ist diese neue Art des Kontaktknüpfens ein nicht mehr wegzudenkendes Zeichen der Zeit oder das Ergebnis einer besorgniserregenden Entwicklung? Kommunizieren heißt: Jemandem etwas mitteilen, mit jemandem sprechen, aber auch jemanden an etwas teilhaben lassen. Lieber Nachbar, Du musst mich nicht dazu nötigen, Deine Lieblingsmusik zu hören! Manchmal wollen wir nicht „kommunizieren“, …